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Universität zu Köln, 29.02.00

Jugendkriminalität

21/2000/jugend

Jugendkriminalität beginnt in der Kindheit
Aggressivität im Kindesalter kann Vorbote sein

Internationale Vergleiche aggressiven und schweren Fehlverhaltens im Eltern- und im Selbsturteil fallen für die deutschen Kinder zunächst nicht beunruhigend aus. Dennoch zeigt die absolute Häufigkeit, mit der Eltern und auch Jugendliche selbst von solchen Verhaltensweisen berichten, daß ein deutlicher Handlungsbedarf besteht. Aggression und schweres Fehlverhalten bei Heranwachsenden hängen eng zusammen und haben entwicklungspsychlogische Ursachen. Dies ist das Ergebnis einer Studie über psychische Auffälligkeiten und Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die unter der Leitung von Professor Dr. Gerd Lehmkuhl an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln in Kooperation mit der Humboldt-Universität Berlin und der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt erstellt wurde.


Ausgeprägt aggressives Verhalten wie Zerstörungen, Wutausbrüche, häufige Raufereien, Angreifen und Bedrohen Anderer und daraus folgende emotionale Probleme können Kinder und Jugendliche auf sozialwidriges Verhalten festlegen, wenn wirkungsvolle Hilfe nicht frühzeitig vorhanden ist.

Aggressivität kann nach Aussage der Kölner Mediziner eine Folge von Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen sein. Sechs Prozent der Jungen werden von den Eltern als ausgeprägt aggressiv eingeschätzt, unter den Mädchen sind es halb so viele. Schweres Fehlverhalten wie Weglaufen von zu Hause, Zündeln, Stehlen, Schule schwänzen, Alkohol- oder Drogenkonsum kommt nach Meinung der Eltern bei jedem hundertsten Kind von vier bis zehn Jahren vor. Bei Jugendlichen von elf bis achtzehn Jahren sehen die Eltern solches Verhalten bei etwa zwei Prozent der Mädchen und drei Prozent der Jungen. In der Selbsteinschätzung hält sich einer von fünfzehn Jugendlichen für ausgeprägt aggressiv, während sechs Prozent der männlichen und vier Prozent der weiblichen Teenager sich selbst schweres Fehlverhalten zuschreiben. Heranwachsende schätzen sich selbst als aggressiver und gesellschaftsfeindlicher ein als ihre Eltern dies sehen.

Im Urteil der Eltern sind Jungen aggressiver und zeigen mehr Fehlverhalten als Mädchen. Jungen selbst schreiben sich ebenfalls mehr Fehlverhalten zu, schätzen sich jedoch nicht aggressiver ein als Mädchen sich sehen. Dieser Geschlechtereffekt bestätigt den Kölner Medizinern zufolge die Ergebnisse vieler internationaler Studien. Beim Altersvergleich stellen sie fest, daß bei älteren Jungen und Mädchen aggressives Verhalten insgesamt seltener und Fehlverhalten häufiger auftritt. Nur für einzelne Verhaltensweisen ist dieser Trend geschlechtsspezifisch oder weist in die andere Richtung. Oppositionelles Verhalten in der Schule, das dem aggressiven Spektrum zugerechnet wird, nimmt mit höherem Alter bei Jungen zu; beim Fehlverhalten werden Lügen, Betrügen und Schwindeln mit zunehmendem alter bei beiden Geschlechtern seltener beschrieben.

Im Elternurteil zeigt sich bei der Korrelation von Aggressivität und Fehlverhalten eine große Übereinstimmung. Schweres Fehlverhalten tritt bei Kindern und Jugendlichen, die aggressiv auffällig sind, deutlich häufiger auf als bei nicht aggressiv auffälligen. Emotionale Störungen wie sozialer Rückzug, Angst, Depression, soziale Probleme und Aufmerksamkeitsstörungen finden sich bei aggressiv auffälligen Kindern und Jugendlichen ebenfalls in höherem Maße. Nach dem Elternurteil liegt bei einem Viertel der Kinder und Jugendlichen mit aggressiver Auffälligkeit oder Fehlverhalten eine Aufmerksamkeitsstörung vor.

Die Altersentwicklung der Verhaltensweisen und das erhöhte Risiko für emotionale Störungen weisen, so die Mediziner, darauf hin, daß aggressive Verhaltensauffälligkeiten im Kindesalter als Vorboten von Fehlverhalten im Jugendalter verstanden werden können. Diese enge Verbindung von Aggressivität und Fehlverhalten bestätigt auch Ergebnisse vieler internationaler Studien. Mit Eintritt in das Erwachsenenalter vermindern sich mehrere aggressive Verhaltensweisen und auch Fehlverhalten generell. Als gefährdet dürfen nach Ansicht der Mediziner daher vor allem Kinder und Jugendliche gelten, die von diesem Trend nicht profitieren und bei denen das Verhalten in besonders ausgeprägter Form auftritt. Emotionale Probleme werden eher als Folge der Konflikte in Familie, Schule und Gleichaltrigengruppe angesehen, die durch Aggressivität oder Fehlverhalten entstehen. Gerade diese "leisen Probleme", so die Kölner Mediziner, müssen erkannt und bearbeitet werden, damit den gefährdeten Kindern und Jugendlichen wirkungsvolle Hilfe zuteil werden kann.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Professor Lehmkuhl unter den Telefonnummern 0221/478-4370 und 0221/478-4650 und der Fax-Nummer 0221/478-6104 zur Verfügung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).

Für die Übersendung eines Belegexemplars waren wir Ihnen dankbar.


Anneliese Odenthal, Universität zu Köln
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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