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Freie Universität Berlin, 08.11.02

Jüdische Mystik in Mantua

Die herzogliche Familie Gonzaga regierte von der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis 1708 die Renaissance-Stadt Mantua. Da die Gonzaga den Juden tolerant gegenübertraten, florierten sowohl die Wirtschaft als auch die Wissenschaften innerhalb der jüdischen Gemeinde der Stadt. Mantua bildete von der Renaissance bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ein lebendiges Zentrum für jüdische Studien und spielte eine bedeutende Rolle in der Diaspora. Die Juden von Mantua schrieben über Wissenschaft, Dichtung und die biblische Exegese, doch war die stärkere Charakteristik ihres Denkens zweifellos die gründliche Erforschung der mystischen Tradition: jener Kabbala, die hier einige der raffiniertesten und extremste Ausdrücke erreichte.


Fast die Hälfte der 162 in Mantua erhaltenen Handschriften behandelt die Kabbala. Sie sind von außerordentlicher Bedeutung, um die Verbreitung der Kabbala aus Safed nach Europa zu rekonstruieren. Bekanntermaßen war Mantua die erste Stufe der Durchdringung des kabbalistischen Denkens Palästinas auf dem Weg nach Deutschland und Polen.

Die kabbalistische mantuanische Werkstätte bestand aus einem Netz von kleinen und lebendigen Schulen, die Anhänger aus den entlegensten Orten der Diaspora anzog. Hierzu zählten Vertreter der neuen theosophischen Ideen von Safed in Galiläa, Mystiker marranischer Abstammung aus Amsterdam sowie Rabbiner der Prager Gemeinde. Die führende Position der Stadt zeigt sich beispielsweise anhand der großen Bedeutung kabbalistischer Werke, die in Mantua veröffentlicht wurden. Tatsächlich wurden zwischen 1557 und 1562 viele Klassiker der Kabbala zum ersten Mal hier veröffentlicht.

Die kabbalistische Schule von Mantua tat sich durch eine besondere Vorliebe für Zeichnungen hervor, so dass man von einer "visuellen Kabbala" sprechen kann. In den kabbalistischen Texten dienen die visuellen Bilder der Darstellung der theoretischen Schwierigkeiten. Die Kabbalisten von Mantua haben insbesondere die Abbildungen benutzt, um die schwierigsten Punkte ihrer Theorie zu erklären, und zwar jene Punkte, die die Möglichkeiten des Sprachausdruckes übersteigen.

Die Unmittelbarkeit der Diagramme und die Effizienz der grafischen Darstellungen der Sefirot - die manchmal zu komplizierten fast architektonisch anmutenden Plänen ausgebaut sind - verweisen auf eine Ebene des kabbalistischen Diskurses, die in der wissenschaftlichen Erforschung der Kabbala bisher völlig ignoriert wurde. Dieses unedierte Erbe drückt unmittelbar ein zentrales Ziel der Kabbala aus, nämlich die Suche nach einer räumlichen Ordnung und einer Grammatik der Symbole, die das Geheimnis der göttlichen Emanation greifbar nahe bringen.

Mit dem hebräischen Wort Kabbala, das wörtlich übersetzt "das Empfangen" bedeutet, wird üblicherweise die geheime Tradition des jüdischen Mystizismus bezeichnet und im besonderen die esoterische Strömung, die in Europa zwischen dem Ende des 12. Jahrhunderts und Beginn des 13. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Die Kabbala erlebte eine bedeutende Weiterentwicklung im 16. Jahrhundert und beeinflusste einen Großteil der jüdischen Gemeinden. Die schöpferische Phase reichte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, obwohl die kabbalistische Lehre das religiöse Leben vieler orthodoxer Juden auch heute noch inspiriert.

Eines der grundlegenden Elemente der Kabbala ist das der Sefirah (pl. Sefirot), womit alle zehn Stufen, in denen sich Gott im Kosmos manifestiert, beschrieben werden. Alle zehn Sefirot bilden den so genannten "sefirotischen Baum", durch den sich die göttliche Energie in der Schöpfung verbreitet: 1. Krone; 2. Weisheit; 3. Verstehen, Intelligenz; 4. Gnade; 5. Stärke, Gerechtigkeit; 6. Schönheit, Aktives Mitleid; 7. Beständigkeit; 8. Majestät; 9. Fundament (der Welt); 10. Königtum. Obgleich sich das Konzept der Sefirah in unterschiedlicher Art und Weise je nach den Autoren entfaltet, ergeben sich dennoch gemeinsame Charakterzüge innerhalb aller Schulen. Die Kabbalisten stimmen insofern überein, dass sie die Sefirot als Stufen definieren, das heißt als Grade, durch die die Kraft Gottes in der Schöpfung wirkt. Wenn sie auch unsichtbar sind, beeinflussen sie und nähren sie die Realität, so dass die Sefirot sowohl im Makrokosmos als auch im menschlichen Mikrokosmos wahrgenommen werden können.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Giulio Busi, Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin, Schwendenerstr. 27, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 838-52605, E-Mail: busi@zedat.fu-berlin.de


Ilka Seer, Freie Universität Berlin
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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