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Friedrich-Schiller-Universität Jena, 29.01.01

Jenaer Germanisten klären Rästel um mittelalterliche Handschrift

Die "Erfurter Moralität" trägt ihren Namen zu Unrecht. Der 18.000 Verse umfassende Text aus dem Jahr 1448 entstand nicht, wie bisher vermutet, in Erfurt, sondern im mittelalterlichen westthüringischen Raum. Das fanden die Jenaer Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Jens Haustein, Winfried Neumann und Christoph Fasbender bei einer Untersuchung der Handschrift heraus.

Jena (29.01.01) Die Germanisten konnten damit ein lange bestehendes Rätsel lösen: Der Text stellt ein mittelalterliches Spiel dar, in dem es um "Ehre und Schande der Frauen" geht. Derartige Spiele sind aber für das Erfurt dieser Zeit sehr untypisch. Nachdem die drei Wissenschaftler nun sprachliche Hinweise auf die Entstehung im Westthüringischen gefunden haben, fügt sich die Handschrift bestens in die breite Spieltradtion dieser Region ein.

Dass man den Handschriften dieser Region soviel Aufmerksamkeit widmet, hat einen guten Grund: "Thüringen war um 1200 das literarische Zentrum im deutschsprachigen Raum, das alles andere überstrahlt hat", erklärt Neumann. Landgraf Hermann I., der bedeutendste Mäzen des Mittelalters, holte damals die großen Dichter seiner Zeit wie Walter von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach an den Eisenacher Hof.


Durch die genaue Untersuchung der mittelalterlichen Handschriften könne man sich ein besseres Bild von den Verhältnissen im Mittelalter machen, als das bisher der Fall war, betont Winfried Neumann, wenn auch "solchen Details sicherlich nichts Revolutionäres anhaftet", wie er einräumt. Die Schilderungen in populären Romanen, die das Mittelalter entweder als finsteres, geistloses Zeitalter darstellen oder als eine Welt strahlender Ritterhelden, seien größtenteils "Quatsch", urteilt der 29-jährige Germanist. Er kommt durch seine Arbeit an den Handschriften zu einem stärker differenzierten Bild, weil er darin eine große Bandbreite von Meinungen findet. Diese zeigen, dass die Menschen damals sehr individuelle Vorstellungen von der Welt hatten.

Die Untersuchung der "Erfurter Moralität" fand im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes zur Untersuchung deutscher Handschriften des Mittelalters aus dem hessisch-thüringischen Raum statt. Ziel des Vorhabens ist es, ein Nachschlagewerk zu erstellen, in dem die Wissenschaftler neben Titel und Autor einer Handschrift auch Entstehungszeit und -ort erfassen, sowie Aussagen zum verwendeten Papier, zur Schriftart und eventuell vorhandenen Bildern machen. 254 Handschriften mit 358 Texten haben die Germanisten schon erfasst, 40 sind bereits fertig bearbeitet.

Zahlreiche Schreiber haben zur damaligen Zeit durch wiederholtes Kopieren für die Verbreitung der Texte gesorgt. Jeder dieser Schreiber hat dabei seine Spuren, zum Beispiel Merkmale seines Dialektes, hinterlassen. Diese Spuren lesen Neumann und seine Kollegen aus den Handschriften heraus. In jedem Manuskript suchen sie in einer 500 Wörter umfassenden Stichprobe nach charakteristischen Dialektmerkmalen. Da ist zum Beispiel die mitteldeutsche Senkung, die aus einem "i" ein "e" und aus einem "u" ein "o" macht. "Statt ,ich´ und ,uns´ würde es also ,ech´ und ,ons´ lauten", erläutert Winfried Neumann. Als typische Eigenart des Thüringischen nennt er die Tatsache, dass Infinitive stets nur auf "e" statt auf "en" enden, es heißt also "laufe" statt "laufen".

Die Texte sind meistens mit Gallustinte, die man aus Galläpfeln gewonnen hat, auf Pergament oder Papier geschrieben. Die Jenaer Germanisten suchen in den Katalogen in- und ausländischer Bibliotheken nach Originalen aus Thüringen und fordern Kopien auf Rollfilmen an, von denen sie Ausdrucke anfertigen. Seit dem Ende des Kaltes Krieges haben sie auch Zugang zu polnischen Sammlungen. "Das ist ein sehr großer Gewinn für die Forschung", so Neumann. Etwa fünf bis sieben Stunden dauere es, bis er ein Manuskript untersucht und einer Region zugeordnet habe, sagt Neumann, "das hängt ganz davon ab, wie widerspenstig die Handschrift ist".

Das Projekt läuft noch bis November, dann wollen die Wissenschaftler einen Verlängerungsantrag stellen. Bis alle Handschriften aus dem thüringischen Raum richtig eingeordnet sind und das Register fertig ist, werden nach Einschätzung Neumanns noch vier bis fünf Jahre vergehen.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Jens-Dieter Haustein und Winfried Neumann
Institut für Germanistische Literaturwissenschaft der Universität Jena
Tel.: 03641/ 944 250, Fax: 944 252
E-Mail: jens-dieter.haustein@rz.uni-jena.de
winfried.neumann@uni-jena.de

Susanne Liedtke
Friedrich Schiller Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel: 03641/ 93 10 40
Fax: 03641/ 93 10 42
E-mail: Susanne.Liedtke@uni-jena.de


Susanne Liedtke, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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