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Universität zu Köln, 14.09.01

Islamwissenschaftler äußern sich zu den aktuellen Ereignissen in den USA

119/2001/islam.doc
Stellungnahme der Fachvertreter der Islam- und orientwissenschaft von Universitäten in NRW

Die am Dienstag in Amerika verübten Attentate, welche unschuldige Menschen trafen, werden in der ganzen Welt zurecht als abscheulich und menschenverachtend verurteilt. Den Angehörigen der Opfer und dem amerikanischen Volk sprechen wir unser tiefes Beileid aus. Zugleich fühlen wir uns angesichts der bisherigen Berichterstattung über die Attentate aufgerufen, folgende Stellungnahme abzugeben:

Nach unserer Einschätzung ist die bisherige Berichterstattung in den Medien teilweise unzulänglich und in Teilen irreführend. Unzulänglich deshalb, weil sowohl die Hintergründe der Attentate als auch die Motive der Täter zu wenig Beachtung finden. Besonders die gegenwärtige politische Situation im Vorderen Orient (Stichwort: Palästinakonflikt) sowie die Rolle der USA in der Nahostpolitik der letzten 50 Jahre werden in den Berichten vernachlässigt. Irreführend ist die Berichterstattung insofern, als offenbar Einzelereignisse (Stichwort: jubelnde Menschen im Westjordanland) als beispielhaft für die Reaktion einer ganzen Region vorgeführt werden. Die von einigen Medien suggerierte Gleichung "Muslim = Fundamentalist = Terrorist" ist absurd und dem Zusammenleben verschiedener Nationen und Religionen abträglich. Auch der oft hohe Emotionalisierungsgrad bei der Berichterstattung ist wenig sachdienlich.
Wir möchten darauf hinweisen, daß es sich nach unserer Einschätzung bei diesen terroristischen Verbrechen nicht um Taten vor dem Hintergrund eines religiösen oder kulturellen Konfliktes handelt. Tatsächlich dreht sich der Konflikt um die Verteilung von Machtpositionen im Nahen Osten, wobei auf Seiten der Terroristen islamische Glaubenselemente und religiöse Begrifflichkeiten als willkommene Stützen der eigenen ideologischen Position dienen. Das Feindbild radikaler Muslime richtet sich weniger auf die westliche Zivilisation an sich, als vielmehr auf die USA als Supermacht, deren Einfluß auf die politischen Verhältnisse in dieser Region als übermächtig und unerträglich empfunden wird.
Die Tatsache, daß die Rolle der USA im Nahen Osten mehr und mehr konfliktträchtig geworden ist, besonders nach den jüngsten Ereignissen, sollte die europäischen Staaten dazu veranlassen, sich in Zukunft deutlich mehr als bisher und langfristig in der Region politisch zu engagieren. Nur politische Veränderungen werden die Voraussetzungen dafür schaffen können, daß dem Terrorismus der Nährboden entzogen wird. Bevor man aufgrund der aktuellen Ereignisse den Menschen in den islamischen Ländern ihre Würde abspricht und die Taten einiger Extremisten als generellen Angriff auf Freiheit und westliche Zivilisation bezeichnet, sollte sich die westliche Nahostpolitik verstärkt darum bemühen, in den islamischen Ländern die Bedingungen für ein würdevolles Dasein in Wohlstand und Freiheit zu schaffen.

Prof. Dr. Th. Bauer (Münster), Prof. Dr. H. H. Biesterfeldt (Bochum), Prof. Dr. W. Diem (Köln), Dr. S. Dorpmüller-Wosab (Münster), Prof. Dr. H. Grotzfeld (Münster), G. Kock, M.A. (Münster), Th. Schneiders (Münster), Dr. M. Schöller (Köln), Dr. U. Stehli-Werbeck (Münster), W. Stork, M.A. (Köln).

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias
Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Marco Schöller unter der Telefonnummer 02233 700523 und der Email-Adresse SchoelM@aol.com zur Verfügung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).

Für die Übersendung eines Belegexemplares wären wir Ihnen dankbar.


Dr. Wolfgang Mathias, Universität zu Köln
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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