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Freie Universität Berlin, 25.07.01

Goethe auf weitem Feld

Fast mutet es wie ein dreistes Husarenstück an, was der gebürtige Innsbrucker mit seinem vor wenigen Wochen im renommierten Tübinger Niemeyer-Verlag erschienenen Buch geleistet hat: Die drei im Mittelpunkt seiner Arbeit stehenden kunst- und literaturtheoretischen Texte Goethes nehmen in einer gebräuchlichen Goethe-Ausgabe gerade einmal 17 Seiten ein - Wolfs Buch ist über 500 Seiten stark. Doch entstanden ist das Gegenteil philologischer Kleinkrämerei. Der Autor entwirft ein großes Panorama des geistigen Umfeldes sowohl des stürmenden und drängenden jungen Goethe als auch des "klassischen" Goethe nach seiner italienischen Reise. Wolfs Buch legt in seinen beiden Hauptteilen jeweils einen Querschnitt durch den ideengeschichtlichen Kontext der theoretischen Texte Goethes um 1771/72 und 1788/89. Dabei macht er sich nicht, wie viele vor ihm, zum Erfüllungshilfen goethischer Selbstinszenierung: Anstatt Goethes Einzigartigkeit zu postulieren, gelingt es Wolf vielmehr aufzuzeigen, wie sehr Goethes Positionen von dessen geistigem und literarischem Umfeld abhängen und sich mit dem Wandel des Umfeldes ebenfalls wandeln mussten.


Er nutzt dabei die Feldtheorie des Kultursoziolgen Pierre Bourdieu, bei der der Begriff des "Feldes" verschiedene Sphären des gesellschaftlichen Lebens bezeichnet. So gibt es beispielsweise ein Feld der Ökonomie, der Politik und eben auch ein Feld der Kunst und der Literatur. Innerhalb des Feldes lässt sich der einzelne Autor nur in seiner Relation zu anderen im Feld handelnden Künstlern und Autoren verstehen. Bourdieus Feldtheorie erweist in Wolfs Umsetzung ganz ihre frische und belebende Kraft für die Literaturgeschichte: Wolf zeigt, dass das von Bourdieu beschriebene autonome Feld der Literatur, das ganz seinen eigenen Regeln gehorcht, sich im deutschen Sprachraum Ende des 18. Jahrhunderts herauszubilden beginnt. Übrigens viel früher als bei den bis zu diesem Zeitpunkt avancierteren westeuropäischen Nachbarn Frankreich und England. Wolf nutzt die Vorteile der Bourdieuschen Theorie konsequent: Sie ermöglicht induktives und quellennahes Arbeiten, ganz im Gegensatz zur Systemtheorie Luhmannscher Prägung, die zur Zeit eine gewisse Konjunktur in der Literaturwissenschaft hat. Dem strukturalistischen Grundgedanken Bourdieus verpflichtet, zeigt Wolf, wie in dem sich neu herausbildenden literarischen Feld vor allem die Differenzen zu anderen "Mitspielern" auf diesem Gebiet an Relevanz gewinnen. Goethe muss sich seinen Platz in dem sich autonomisierenden Feld, das er durch seine Absage an eine moralische Verpflichtung der Literatur mit konstituiert, erst erkämpfen.

Norbert Christian Wolf nimmt Goethes Rede "Zum Shakespeares-Tag" zum Ausgangspunkt seiner Darstellungen. Goethe ist zum Zeitpunkt der Niederschrift gerade 22 Jahre alt. Er wird zum Protagonisten und mit seinen Schriften zum Motor der Entwicklung von einer auf ihre moralische Wirkung auf die Gesellschaft bedachten Wirkungsästhetik hin zu einer genialischen Produktionsästhetik, die eine außerliterarische Legitimation der Literatur für obsolet erklärt und die in der Literaturgeschichte den Namen "Sturm und Drang" erhalten hat. Die kurze Rede ist nicht das bedenkenlos hingeworfene Bekenntnis eines noch wilden Jünglings zu seinem Idol Shakespeare, ist kein Zufallsprodukt, sondern erweist sich in der Analyse von Wolf als ein in seiner Form sorgfältig ausgestaltetes Produkt theoretischer Überzeugungen des jungen Goethe: Sein Ziel war nicht nur, seinen Zeitgenossen Shakespeare als Gegenmodell zur klassizistischen, auf das Schöne gerichteten Ästhetik aufzuzeigen, sondern sich gleichzeitig durch die Form seiner Rede als Genie in Nachfolge des englischen Dramatikers in Szene zu setzen.

In einem dreijährigen Kraftakt hat der seit 1998 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin tätige Autor dieses geistige Umfeld erforscht und eng mit der Analyse der Goethe-Texte verknüpft. So gelingt es ihm gewissermaßen, den Spielraum auszuloten, den der junge Autor Goethe mit seinen individuellen Dispositionen unter den auf ihn wirkenden Kräften des Feldes hat, um sich im Kampf um Legitimation innerhalb dieses Feldes zu behaupten. Am Beispiel von Goethes kunsttheoretischer Schrift "Über deutsche Baukunst" führt der Autor dann minutiös aus, wie Goethe in der Apotheose des Künstlers, der zum sich selbst legitimierenden Genie wird, jeder äußeren Einflussnahme auf das Feld eine Absage erteilt. Norbert Christian Wolf kann zeigen, dass die oft als chaotisch und unsystematisch bezeichneten ästhetischen Schriften Goethes im nicht-systematischen Denken des französischen Sensualismus gründen und gerade das Unsystematische nicht Makel, sondern Programm des sich selbst als genial verstehenden Autors Goethe ist. Die Verankerung des Goethischen Denkens in der europäischen Spätaufklärung relativiert auch den in der Forschung oft behaupteten pietistisch-deutschen Kontext von Goethes Denken. Ganz nebenbei kommt dabei auch immer die performative Qualität von Goethes ästhetischen Schriften zur Sprache.

Anders ist Goethes Position im literarischen Feld allerdings in den Jahren 1788/89, am Beginn seiner sogenannten "klassischen" Periode, gelagert. In diesen Jahren verfasst Goethe seine Schrift "Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Styl". Er ist nun etabliert und hat das rebellische Aufbegehren zugunsten einer Ästhetik des "Schönen" als Ziel jeder künstlerischen Anstrengung abgelegt. Wolf zeigt, dass dies nicht als ein Rückfall in überholte ästhetische Konventionen zu verstehen ist, wie es die ideologiekritische Literaturwissenschaft bisher sehen wollte, sondern vielmehr eine Reaktion auf die vielen Nachahmer auf dem Gebiet des Sturm und Drang und die einsetzende Erfolglosigkeit ist. Der Rückzug auf den vom Sturm und Drang eigentlich längst überbotenen Klassizismus bietet für Goethe die Möglichkeit, weiterhin innovativ zu sein, gerade weil er sich der von ihm selbst etablierten Logik der ständigen Überbietung des Vorhergehenden entzieht. Wie auch die beiden anderen Schriften Goethes, die die Grundlage von Wolfs Arbeit bilden, ist dieser Text in der bisherigen Goethe-Forschung oft behandelt worden - vielleicht schon zu oft, um noch auf Neues zu hoffen: Doch gewinnen sie alle mit der Arbeit des gerade 31-jährigen Wolf dadurch ganz erheblich an Aussagekraft für Goethes Ästhetik und sein Gesamtwerk, dass er die Schriften nicht nur in Goethes Gesamtwerk kontextualisiert, sondern in ihrer Position im Feld der Kunst jener Zeit bestimmt. Durch die Orientierung an Bourdieu erreicht Wolf eine bewunderungswürdige Tiefenschärfe der Interpretationen.

Wolfs Buch nimmt die postulierte Autonomisierung der Literatur ernst und versucht in ihr nicht, bloße Widerspiegelungen sozialer oder politischer Veränderungen zu erkennen. Er erntet dadurch einen in dieser Breite bisher nicht gekannten Zugang zum ideengeschichtlichen Kontext des Sturm und Drang und der Klassik: zwei Epochenbegriffe, die Wolf ablehnt, weil sie die Vorstellung eines Bruches evozieren, den Wolf nicht feststellen kann. Er rehabilitiert Goethe als ernst zu nehmenden Theoretiker, der durchaus auf der Höhe des internationalen ästhetischen Diskurses war. Goethe erwächst damit aus seiner bloß nationalen Bedeutung zu einem wichtigen Denker im europäischen Kontext - das gelingt Wolf ganz ohne jede unkritische Auratisierung des Autors, wie sie sich noch in den früheren Versuchen zu Goethes ästhetischen Schriften findet.

Die letzten ernst zu nehmenden Versuche liegen inzwischen auch mehr als vierzig Jahre zurück. Es war Zeit für einen neuen Versuch. Die Zeit wird zeigen, inwieweit dieses Buch die Goethe-Forschung beeinflussen wird - das Zeug zu einem Standardwerk bringt es jedenfalls mit.

von Niclas Dewitz

Literatur:
Norbert Christian Wolf, Streitbare Ästhetik. Goethes kunst- und literaturtheoretischen Schriften 1771-1789. Tübingen: Niemeyer 2001, ISBN 3-484-35081-4

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Norbert-Christian Wolf, Tel.: 030 / 838-52490, E-Mail: ncwolf@t-online.de


Ilka Seer, Freie Universität Berlin
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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