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Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 14.12.06

Gerechtigkeit im Unterbewusstsein

Gerechtigkeit ist den Menschen ein hohes Gut, das zeigen Umfragen immer wieder. Doch Untersuchungen Pädagogischer Psychologen der Martin-Luther-Universität fördern nun Überraschendes zutage: Das Streben nach Gerechtigkeit geschieht oft völlig unbewusst - und verstetigt mitunter die Ungerechtigkeit. Das Forschungsprojekt zum Gerechtigkeitsmotiv soll fortgesetzt werden.

Auf einer Skala von 1 bis 100, bei der 1 "überhaupt nicht wichtig" und 100 "sehr wichtig" bedeutet, erhielten im vergangenen Jahr in einer Forsa-Umfrage drei Werte jeweils 92 Punkte: Ehrlichkeit, Fairness und Gerechtigkeit. "Menschen orientieren sich in ihrem Verhalten häufig an Maßstäben der Gerechtigkeit, sie leiden unter Ungerechtigkeiten, sie fordern Gerechtigkeit ein", weiß auch Prof. Dr. Claudia Dalbert vom Institut für Pädagogik der Martin-Luther-Universität. Sie umreißt somit das "Gerechtigkeitsmotiv" - und dieses hat, das haben die Forscherin und ihr Team herausgefunden, zwei Ebenen: "Es gibt ein explizites und ein implizites Gerechtigkeitsmotiv."


Das explizite Motiv äußere sich in Sätzen wie: "Nichts erzürnt mich mehr als Ungerechtigkeit". Das implizite Motiv führe zu Reaktionen, die intuitiv, aus dem Bauch heraus, entstehen - der Bezug zum Motiv der Gerechtigkeit sei dabei mitunter nicht gleich erkennbar. "Nehmen wir als Beispiel eine Situation, in der ein Mensch mit Berichten über arme Menschen in Afrika konfrontiert ist", führt Claudia Dalbert aus. "Er wird unter Umständen sagen: 'So schlecht geht es denen auch wieder nicht.' Oder aber: "Irgendwie sind sie doch selbst schuld'." Es handele sich auch dabei häufig um Zeichen für das Streben nach Gerechtigkeit, die unerträgliche Benachteiligung werde schlicht als "gerecht" interpretiert. Aber hat das nicht gerade in diesem Beispiel zur Folge, dass soziale Ungerechtigkeit bestehen bleibt? "Ein Gerechtigkeitsmotiv führt nicht unbedingt zu positiven Reaktionen", klärt die Pädagogische Psychologin Dalbert auf. "Das ist das Gerechtigkeitsparadox."

Seit 2004 leitet Claudia Dalbert das Forschungsprojekt zur "doppelten Dissoziation des Gerechtigkeitsmotivs", das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. In der ersten Projektphase, die in diesen Tagen ausläuft, hat das Projektteam Studien mit 260 Hallensern im Institut und 140 Gymnasiasten in der Schule gemacht. Den Probanden wurden Bilder vorgelegt, zu denen sie Assoziationen äußern sollten, am Computer wurden ihnen Wörter in schneller Abfolge präsentiert - hier wie dort waren Bezüge zum Thema Gerechtigkeit beabsichtigt, aber nicht vorgegeben. "In dieser ersten Projektphase ging es uns darum, das implizite Gerechtigkeitsmotiv messbar zu machen", erläutert Claudia Dalbert. "Bilder kann man unterschiedlich interpretieren, aber aus jeder Interpretation können wir ersehen, ob sie Informationen enthält, die auf das Motiv Gerechtigkeit hinweisen." Ein Bild zeigt zum Beispiel eine weihnachtliche Bescherung. Ein Junge freut sich, ein Mädchen weint. Wurde hier jemand übervorteilt? Oder ist das Geschenk im Paket einfach nur kaputt? Vielleicht ist das Mädchen aber auch schlicht überwältigt und weint vor Freude?

"In der zweiten Projektphase, für die wir nun den Förderantrag gestellt haben, wollen wir für solche Methoden noch mehr Interpretationssicherheit gewinnen", berichtet Projektleiterin Dalbert. Viele Reaktionen, davon ist die Wissenschaftlerin überzeugt, lassen sich auf das implizite Gerechtigkeitsmotiv zurückführen. Und in vielen Bereichen sei es wichtig, auf solche Reaktionen vorbereitet zu sein. "Das Sozialverhalten in der Schule ist beispielsweise zu einem großen Teil intuitiv gesteuert. Darum muss man sich kümmern." In einer möglichen dritten Projektphase wollen Dalbert und ihr Team daher herausfinden, wie das implizite Gerechtigkeitsmotiv zu beeinflussen ist. "Dann kann man Lehrern mehr Informationen dazu an die Hand geben."

Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Claudia Dalbert
Tel.: 0345-55 23811
E-Mail: claudia.dalbert@paedagogik.uni-halle.de


Dipl.-Journ. Carsten Heckmann, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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