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Friedrich-Schiller-Universität Jena, 03.06.04

Die Geburt des Komponisten

Musikwissenschaftler der Universität Jena forscht an der Schwelle zur notengewordenen Musik im 14. Jahrhundert

Oberitalienische Handschrift (Fragment/um 1400). (Foto: Huck)

Jena (03.06.04) Ein musikalisches Kleid für seine nackten Verse erbat sich der italienische Dichter Dante Alighieri (1265-1321) in einem Sonett von einem befreundeten Musiker. Ob dieser poetischen Aufforderung nachgekommen wurde, diese Frage lässt sich mit einem klaren "jein" beantworten. Dass Lieder mit Dantes Texten seinerzeit in Italien ertönten, ist höchstwahrscheinlich. In Noten gegossene Beweise finden sich dafür hingegen nicht. Denn der Dichter und sein Musikus lebten in einer Zeit, da zwar der Musik als solcher eine hohe Bedeutung zukam, ihre Niederschrift in Notenform und die Autorschaft aber eher nebensächlich waren. Lieder waren zum Singen da. Man tanzte dazu, improvisierte, passte hier und da Melodie und Rhythmus dem Zeitgeschmack an, kopierte und stellte um. Erst ab der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden Madrigale, Ballate und Cacce aufgeschrieben und gesammelt. "Ab diesem Zeitpunkt gibt es auch erstmals Komponisten, in dem Sinne, wie wir sie heute kennen", berichtet PD Dr. Oliver Huck. Der Musikwissenschaftler von der Friedrich-Schiller-Universität Jena beschäftigt sich mit der weltlichen Musik im Italien des frühen und mittleren 14. Jahrhunderts und ihren vermeintlichen Autoren. Der Leiter einer Emmy-Noether-Nachwuchsforschergruppe hat kürzlich seine Habilitation über die "Musik des frühen Trecento" abgeschlossen.


Mühevolle Klangrekonstruktion

Bis zum Trecento gab es zum einen Musici. Diese Musikgelehrten kommentierten und interpretierten, was die Sänger, die Cantores, zum Besten gaben. Und es gab Dichter, die ihre Texte selbst in Musik umsetzten. "Eine grundsätzliche Frage lautet: Warum man überhaupt begonnen hat, weltliche Musik schriftlich zu dokumentieren", sagt Huck. Der Jenaer Nachwuchsforscher ist zu den Quellen gereist und hat in Archiven in Italien und Frankreich die wenigen vorhandenen historischen Dokumente gesichtet. Einerseits versucht er nachzuvollziehen, welcher "Vogel" die süße Melodei letztendlich in die Welt gesetzt hat. Andererseits geht er der Frage nach, wie die Musik von damals denn nun wirklich geklungen hat.

"Die Tönhöhe ist dabei nicht das Hauptproblem", weiß er, "aber wie lange ein Ton gehalten wurde oder wie Verzierungen gesungen oder Pausen gewichtet wurden, darüber gibt es schon damals verschiedene Aussagen. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht nur die Tonsetzer ihren eigenen Stil pflegten, sondern auch die Schreiber der erhaltenen Handschriften, gewissermaßen die Herausgeber.

Musikübersetzer schreibt fleißig mit

Man kann sich den Prozess der Überlieferung etwa wie die Übersetzung eines Buchs in andere Sprachen vorstellen. Die Noten sind in Schrift übertragene gesungene Töne. Und jeder Übersetzer findet andere Zeichen für ein und denselben Sachverhalt. "Der Stil des Komponisten und jener des Schreibers überlagern sich dabei. Und der Schreiber ist es auch, der uns einen Autornamen überliefert", berichtet Dr. Huck. Der Jenaer Experte diskutiert in seiner Arbeit, ob einige Lieder, die einem bestimmten Autor zugeschrieben werden, wirklich von ihm stammen und ob sie so erdacht waren, wie sie überliefert sind.

In seiner Habilschrift, die ihm den Titel des Privatdozenten einbrachte, zeigt Huck auf, dass die italienischen Autoren des 14. Jahrhunderts durchaus sehr individuelle musikalische Kleider für die vorhandenen Verse anfertigten. Darüber hinaus weist er nach, dass die Musici durchaus Töne so zu setzen wussten, dass sie genau auf spezifische Texte passten und daher als frühe Komponisten gelten können. Mit dieser Aussage bricht der Jenaer Musikwissenschaftler auch mit dem gängigen Vorurteil, die Musikstücke des italienischen Trecento seien, im Gegensatz zu den französischen, lediglich Improvisationen.

Kontakt:
PD Dr. Oliver Huck
Nachwuchsgruppe "Musik des frühen Trecento" an der Universität Jena
Jenergasse 8, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944416
E-Mail: oliver.huck@uni-jena.de


Stefanie Hahn, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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