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Friedrich-Schiller-Universität Jena, 27.04.01

Gebildet, informiert, politisch aktiv: Das Bürgertum in Thüringen

Jena (27.04.01) Eine geschichtswissenschaftliche Lücke schließen die drei Jenaer Historiker Prof. Dr. Hans-Werner Hahn, PD Dr. Werner Greiling und Dr. Klaus Ries mit ihrem Buch "Bürgertum in Thüringen - Lebenswelt und Lebenswege im frühen 19. Jahrhundert". Es sei sehr erstaunlich, dass die Situation im Freistaat im Gegensatz zu der in Süddeutschland oder im Rheinland bisher noch auffallend wenig untersucht wurde, so Hans-Werner Hahn, Professor für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Friedrich-Schiller-Universität. Denn in Thüringen, dem Kernland der Reformation mit seinem protestantischen Bildungsvorsprung habe das Bürgertum immer eine wichtige Rolle gespielt.


"Typisch für das Thüringen der damaligen Zeit war die Schaffung einer neuen bürgerlichen Öffentlichkeit", ergänzt Hahns Kollege Werner Greiling. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert wurden sehr viele Verlage und Zeitungen gegründet, aber auch auf öffentlichen Festen fand ein reger Austausch statt: "Damit wandte man sich von dem Arkanprinzip ab und entdeckte das öffentliche Publikum als neuen gesellschaftlichen Ansprechpartner." Politisches Engagement sei zudem für viele der gebildeten Bürger selbstverständlich gewesen.

Die Jenaer Historiker wollen mit ihrem Werk auch eine Brücke schlagen zwischen zwei unterschiedlichen Meinungen, die in der Geschichtswissenschaft vorherrschend sind: Die eine geht davon aus, dass das eingesessene Stadtbürgertum aus sich selbst ein erhebliches Modernisierungspotential entwickelte, während die andere in den so genannten "neuen Bürgerlichen" die entscheidenden Träger des Fortschritts sieht. Hahn und seine Kollegen sind der Ansicht, dass es an der Zeit ist, beide Richtungen miteinander zu versöhnen und die relativ künstliche Trennung aufzugeben. Dafür liefere der Thüringer Raum eine Fülle von Beispielen, die sowohl dem alten Stadtbürgertum als auch den neuen Bürgerlichen eine zukunftsweisende Rolle zuschreiben.

Darüberhinaus machen die Herausgeber klar, dass das Aufkommen des Bürgertums nicht in ständiger Abgrenzung zum Adel geschah. "Das war in gerade Thüringen nicht der Fall, vielmehr war in den kleinräumigen Territorien oft die Nähe zu den Höfen gegeben", erläutert Klaus Ries.

"Die Geschichte des Bürgertums ist eine Geschichte der Werte und Normen, des Verhältnisses von Stadt und Bürgertum und nicht zuletzt eine Familiengeschichte", weiß Hans-Werner Hahn. Deshalb wählen die Jenaer Wissenschaftler in ihrem Buch den Zugang über Biografien ganz unterschiedlicher Vertreter des Bürgertums: Zwei Landpfarrer, ein Handwerker, ein Universitätsprofessor, ein Privatgelehrter und eine dem Fürstenhof nahestehende Familie begegnen dem Leser, aber auch für Thüringen eher untypische Vertreter wie eine katholische und eine jüdische Familie.

"Was all diese Biografien miteinander verbindet, ist vor allem ihr Streben nach Bildung", so Hahn. Vorgestellt werden unter anderem der Jenaer Historiker Heinrich Luden, der als "politischer Professor" fungierte und als einer der entscheidenden frühnationalen Denker gelten kann; die Verleger- und Buchhändlerfamilie Frommann, die in der ersten Generation zur gesellschaftlich-kulturellen Elite Jenas und Weimars gehörte und später wichtige politische Schaltstellen besetzte; der Privatgelehrte Thomas Johann Seebeck, der als Freund Goethes an dessen Farbenlehre mitarbeitete, und die Familie Unger, die im 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten jüdischen Familien im thüringischen Raum zählte.

Im Mittelpunkt des Buches steht die Region Sachsen/ Weimar/ Eisenach. Die darin zusammengetragenen Forschungsergebnisse sind zum großen Teil aus dem Sonderforschungsbereich "Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800" hervorgegangen, der seit 1998 an der Friedrich-Schiller-Universität existiert.

Literatur: Hans-Werner Hahn, Werner Greiling, Klaus Ries (Hrsg): Bürgertum in Thüringen - Lebenswelt und Lebenswege im frühen 19. Jahrhundert. Hain Verlag Rudolstadt, Jena. 360 Seiten, 39,80 DM

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Hans-Werner Hahn, Historisches Institut der Universität Jena
Tel: 03641/ 94 44 40, Fax: 94 44 02
E-mail: g5repl@pluto.rz.uni-jena.de

Susanne Liedtke
Friedrich Schiller Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel: 03641/ 93 10 40
Fax: 03641/ 93 10 42
E-mail: Susanne.Liedtke@uni-jena.de


Susanne Liedtke, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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