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Westfaelische Wilhelms-Universität Münster, 19.12.03

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Westfaelische Wilhelms-Universität Münster, 19.12.03

Erste Spuren eines Heiligtums gefunden

Forschungsstelle Asia Minor der Universität Münster untersucht Kulthügel in der Osttürkei

Entdeckung der Inschrift, die dem römischen Kaiser Caracallus gewidmet ist

Die Anfänge eines der später neben Mithras wichtigsten orientalischen Götter des römischen Reiches liegen im Dunkeln. Vom Iupiter Dolichenus, ursprünglich ein Wettergott und verehrt im ganzen Imperium, finden sich vor allem Spuren im Donauraum und im Rheingebiet. Auch auf dem Aventin in Rom war dem Iupiter Dolichenus ein Heiligtum geweiht. Doch seinen Ursprung nahm der Kult in Kleinasien, in der heutigen Osttürkei. Dort, auf einem rund 1200 Meter hohen Hügel, dem Hügel Dülük Baba Tepesi nahe des Ortes Doliche in der Kommagene, fand der Althistoriker Prof. Dr. Engelbert Winter von der Forschungssstelle "Asia Minor" der Universität Münster nun erstmals die Reste des ersten Heiligtums dieses Gottes.


"Man hat immer vermutet, dass auf dem Dülük Baba Tepesi das Hauptheiligtum des Iupiter Dolichenus zu finden ist", erklärt Winter. "Doch das Gelände ist sehr schwierig, da es zum einen in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgeforstet wurde und zum anderen ein riesiger Antennenwald Grabungen erschwert." Doch Winter, der von 1997 bis 2000 in Doliche selbst gearbeitet hat und dort unter anderem ein Mithras-Heiligtum identifizieren konnte, erhielt von der türkischen Antikenverwaltung 2001 das Angebot, eben dort zu graben. Finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft beziehungsweise die Gerda-Henkel-Stiftung suchte er zuerst die Hilfe der Geophysiker der WWU. Geomagnetik und Georadar machten jene Strukturen unter der Oberfläche sichtbar, die eine lohnende Grabung versprachen.

"2002 haben wir durch erste Sondagen Hinweise auf monumentale Gebäudestrukturen gefunden, ohne bislang ihre Funktion bestimmen zu können", berichtet Winter. In diesem Jahr legten die Wissenschaftler erstmals zwei Suchschnitte im Zentrum des Gipfelplateaus an. Im ersten Schnitt stießen sie dabei innerhalb einer sehr schlecht ausgeführten mittelalterlichen Mauer auf eine auf dem Kopf stehende Basis mit Einlassspuren für eine Bronzestatue - offensichtlich eine frühere Arbeit, die später mit verbaut wurde. Eine "wunderbar erhaltene" griechische Inschrift bestätigte das: "Die Buchstaben haben eine Höhe bis zu zehn Zentimetern und sind sehr gleichmäßig. Eine hervorragende Arbeit!", begeistert sich Winter. Eine Arbeit, eines Kaisers angemessen. Gewidmet war sie dem römischen Imperator Caracalla, Kaiser zwischen 211 und 217 nach Christus. "Für die Kommagene ist das ein äußerst seltener Fund. Wir schließen daraus, dass der Dülük Baba Tepesi ein bedeutender Ort war. Aus anderen Quellen wissen wir, dass Caracalla den Soldatengott Iupiter Dolichenus in seiner Eigenschaft besonders verehrt hat", so Winter. Er vermutet, dass Caracalla im Rahmen des Partherfeldzuges von 215 bis 217 die Gelegenheit benutzt hat, Doliche zu besuchen und dass ihm aus diesem Anlass eine Statue aufgestellt wurde.

Auch der zweite Suchschnitt etwas weiter nördlich brachte reiche Ausbeute: Sehr schnell stieß das rund zehnköpfige Team auf monumentale, aufeinanderzulaufende Mauern, die ebenfalls von höchster Qualität waren. Die heute rund 1,60 Meter hohen Bauten stammen aus römischer Zeit, wahrscheinlich aus dem ersten bis zweiten Jahrhundert nach Christus, und wurden später durch Mauern minderer Qualität ergänzt. "Die Ecke, die keinen Winkel von 90 Grad aufweist, wie man es bei einem Zweckbau erwarten könnte, legen den Schluss nahe, dass wir die so genannte Temenos-Mauer gefunden haben. Der Temenos war der heilige Bezirk, der stets mit einer großen Mauer vom weltlichen Bezirk getrennt wurde", erklärt Winter. Er ist zuversichtlich, damit das Zentralheiligtum des Iupiter Dolichenus lokalisiert zu haben. Drei Argumente sprechen dafür: Da ist zum einen die topographische Lage, denn die Mauern finden sich exakt dort, wo sie am ehesten zu erwarten waren. Der fehlende rechte Winkel ist ebenfalls ein deutlicher Hinweis, wie einige Vergleichsbeispiel aus dem nordsyrischen Raum belegen. Und schließlich bestätigen die Kleinfunde, dass es sich um einen "heiligen Ort" handeln muss.

"Wir haben ein sehr gut erhaltenes Bronzetäfelchen gefunden, das zwar nicht vollständig lesbar ist, jedoch eindeutig dem "erhörenden Gott von Doliche" gewidmet ist", berichtet Winter enthusiastisch. "Damit haben wir den ersten tatsächlichen Nachweis für den Kult des Iupiter Dolichenus auf dem Dülük Baba Tepesi". Zu beiden Seiten des nördlichen Mauerwinkels fanden die Archäologen eine Ascheschicht, in die mehr als 150 Schmuck- und Siegelsteine eingebettet waren. Darunter fanden sich sechs Rollsiegel, die in die neubabylonische und persische Zeit, ins sechste und fünfte Jahrhundert vor Christus einordnen lassen. "Es ist das erste Mal, dass in Doliche derartige Siegel in einem geschlossenen Grabungskontext gefunden werden konnten. Wir wissen nicht, wie sie dorthin gekommen sind, aber wir vermuten, dass sie dort deponiert wurden, um dem Wettergott zu huldigen", so Winter. Damit wäre bestätigt, dass nicht erst Iupiter Dolichenus hier verehrt wurde, sondern dass der Kult viele Jahrhunderte älter ist.

Darauf deuten auch die zahlreichen bekannten Abbildungen des Gottes hin: Stets wird er dargestellt mit Blitzbündel und Doppelaxt. Während jedoch in späterer Zeit die Ikonographie durch römische Elemente dominiert wird, wie zum Beispiel den Brustpanzer, finden sich auch zahlreiche Bildnisse, die ihn mit Hörnerkrone und nach unten gerolltem Zopf zeigen - ganz in den zentralanatolischen Traditionen, die bis ins dritte und zweite Jahrtausend vor Christus zurückreichen. Bisher haben die Forscher nur kleine zeitliche Ausschnitte aus wenigen Jahrhunderten gefunden. Doch die dazwischen liegende Spanne zeigt, dass der Hügel eine lange, bewegte Geschichte hinter sich hatte, bevor die nahe gelegene Stadt Doliche und auch das Heiligtum auf dem Dülük Baba Tepesi 253 nach Christus zerstört wurde. Zumindest bricht die Überlieferung des Doliche-Kultes abrupt Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus ab.

Winter plant bereits eine neue Kampagne im kommenden Jahr. Hilfreich dabei soll die Unterstützung der Geoinformatiker unter Leitung von Dr. Torsten Prinz sein. Ausgewertet werden zur Zeit hochauflösende Satellitenaufnahmen, mit deren Hilfe digitale Geländemodelle erstellt werden können. "Das bringt uns ganz neue Möglichkeiten, etwas zu entdecken", so Winter. Er rechnet damit, dass es drei Jahre dauern wird, das Heiligtum selbst und den heiligen Bezirk in seinen ganzen Ausmaßen zu untersuchen.

Weitere Informationen:


Brigitte Nussbaum, Westfaelische Wilhelms-Universität Münster
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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