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Universität zu Köln, 27.06.05

East-Side beim Neumarkt

East-Side beim Neumarkt
Ostjuden in Köln 1880-1938

Bis zu einem Viertel reichte der ostjüdische Anteil an der gesamtjüdischen Bevölkerung Kölns im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Der Zuzug der osteuropäischen Juden begann in den 1880-er Jahren mit den ersten Pogromen im Russischen Reich. In ihrem Hauptansiedlungsgebiet, dem sogenannten "Griechenmarktviertel" südlich vom Neumarkt herrschte eine Atmosphäre der Toleranz und der guten Nachbarschaft. Einige Deutsche versuchten sogar dem Boykott sowie den Plünderungen jüdischer Geschäfte am Anfang der Nazizeit entgegenzuwirken. Björn Windmann liefert in seiner am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln vorgelegten Studie eine erste zusammenhängende Darstellung des ostjüdischen Lebens in Köln zwischen 1880 und 1938.


Zwar war Deutschland für Migranten überwiegend nur eine Transitstation auf ihrem Weg nach Übersee, dennoch ließen sich einige in deutschen Städten nieder. Zum Anfang des 20 Jahrhunderts war die Zahl der zugewanderten Ostjuden groß genug, um ein eigenständiges Gemeindeleben zu führen. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es noch zu einer Einwanderungswelle aus Polen, die unter anderem auf die erschwerte Aufnahmebedingungen in den USA zurückzuführen ist, so dass bei der Volkszählung 1925 in Köln rund 4.000 Juden osteuropäischer Herkunft gezählt wurden.

Die zugewanderten Ostjuden wohnten weitgehend separat von ihren in Köln alt eingesessenen Glaubensbrüdern. Da die Westjuden zu einer etablierten Sozialschicht gehörten, unterschied sich ihre Siedlungsstruktur von derjenigen der Ostjuden. Diese bewohnten ärmere Viertel, während die Westjuden zum größten Teil außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern in der sogenannten Neustadt lebten. Wenngleich die Kölner Synagogengemeinde einen Teil der Ostjuden durch ihre Wohltätigkeit unterstützte, waren die Beziehungen zwischen den beiden Gruppen mehr als distanziert, zum einen gab es erhebliche kulturelle und religiöse Unterschiede. Der liberale Umgang mit dem Judaismus und das Assimilationsbestreben der deutschen Juden waren für die orthodox und meist zionistisch ausgerichteten Ostjuden unverständlich und inakzeptabel. Zum anderen versuchten die Westjuden selbst, angesichts des steigenden Antisemitismus, mit den Ostjuden nicht in Verbindung gebracht zu werden, um damit die Bedrohung von sich abzuwenden. Das auffällige Erscheinungsbild der ostjüdischen Bevölkerung war der Stadtbevölkerung ziemlich fremd.

Nichtsdestotrotz kam es oft zu Kontakten zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung, vor allem auf Wirtschaftsbasis. So waren zum Beispiel die Kunden eines ostjüdischen Schuhgeschäfts fast ausschließlich Christen. Die Nachbarschaft der Ostjuden im Griechenmarktviertel stammte aus linksorientiertem Arbeitermilieu, was nach Auffassung von Björn Windmann einen vergleichbar hohen Toleranzgrad erklärt. Interessant ist, dass das Griechenmarktviertel von den Kölner Ostjuden als "jüdisches Viertel" wahrgenommen wurde, obwohl laut Statistiken die Ostjuden dort nur einen Anteil von unter 20 Prozent ausmachten. Das erklärt sich dadurch, dass sie sich auf einem kompakten Raum überwiegend in ihrem eigenen Milieu bewegten. Björn Windmann führt in seiner Studie eine Straßenkarte des Viertels südlich vom Neumarkt mit den Wohnungen, Geschäften, Betsälen und institutionellen Einrichtungen der Ostjuden auf. Laut dieser Abbildung verfügten die osteuropäischen Juden in Köln in den 20-er und 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts über eine dichte und verzweigte Nutzungsstruktur. Somit trug das Griechenmarktvietel in der Nähe des Neumarkts im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts die Züge eines klassischen Migrantenquartiers der Neuzeit. Eine historisch parallele Entwicklung fand in der East-Side in New York statt. Dem ostjüdischen Leben in Köln setzte die sog. Polenaktion am 28.10.1938, die deutschlandweit durchgeführt wurde, ein Ende. Währenddessen wurden sämtliche Juden polnischer Abstammung, mit oder ohne deutsche Staatsbürgerschaft, nach Polen abgeschoben.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Professor Dr. Theodore Kwasman unter der Telefonnummer 0221/470-6115, der Fax-Nummer 0221/470-5056 und unter der Emailadresse theodore.kwasman@uni-koeln.de zur Verfügung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web unter http://www.uni-koeln.de/pi/.


Gabriele Rutzen, Universität zu Köln
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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