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Klinikum der Universität München, 30.04.02

Chronischer Schmerz bei Kindern und Jugendlichen

Schmerzmittel sind die Medikamentengruppe mit dem höchsten Umsatz in Deutschland. Für Erwachsene existieren zunehmend Konzepte und Leitlinien der Schmerzbehandlung. Im Kindes- und Jugendalter scheinen Schmerzen als Thema der medizinischen Versorgung keine herausragende Rolle zu spielen. Die Versorgung von Kindern mit Schmerzen muss jedoch nach wie vor als unzureichend betrachtet werden.

Kinder mit Kopf- und Bauchschmerzen sind sowohl in Praxen als auch in Kinderkliniken häufig anzutreffen. Sie werden durchuntersucht und unter der Bezeichnung "funktionell" nach Hause entlassen, wenn keine körperliche Ursache gefunden wird. Aus der Überlegung heraus, dass psychische Faktoren eine Rolle spielen könnten, werden Psychologen oder gelegentlich auch Kinder- und Jugendpsychiater zugezogen. "Jede Altersstufe von Kindern und Jugendlichen zeigt unterschiedliche Arten des Umganges mit Schmerzen" so Privatdozent Dr. Reiner Frank vom Institut und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums der Universität München. Säuglinge und Kleinkinder zeigen Schmerzen durch ihr Verhalten, durch Weinen und Schreien an. Vorschulkinder und Schulkinder sind in der Lage, Schmerzen differenziert sprachlich zu beschreiben. Schulkinder und Jugendliche können die unterschiedlichen Erlebnisebenen von körperlichen und seelischen Schmerzen zum Ausdruck bringen. Erst Ende der Achtziger Jahre hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass auch Säuglinge Schmerzen empfinden.

Der aktuelle Forschungsstand unterschiedlicher medizinischer Disziplinen - der Pädiatrie, Anästhesie, Kinderchirurgie, Kinderneurologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychologie - findet sich in dem gerade erschienenen Buch von Frank "Chronischer Schmerz bei Kindern und Jugendlichen" (Hans Marseille Verlag, München). Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit brachte überraschende Gemeinsamkeiten zum Vorschein:

· Schmerzerfahrungen führen zu einem Schmerzgedächtnis und bestimmen schon beim Neugeborenen spätere Reaktionen auf Schmerzen. Eine verstärkte Schmerzempfindung trifft man bei Kindern mit chronischen Bauchschmerzen an. Eine verminderte Schmerzempfindung haben Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten.
· Der Patient selbst bestimmt aktiv den Gang der Dinge. Die Orientierung an der Sicht des Patienten führt dazu, dass bei patientengeleiteter Analgesie weniger Medikamente erforderlich sind, dass nach Operationen und bei Krebserkrankungen Heilungsverläufe weniger Komplikationen aufweisen.
· Nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in der Onkologie, auf der Intensivstation, in der postoperativen Behandlung, sind sorgfältige Beobachtung, Zuwendung, die Beziehung zum Patienten insgesamt, die notwendige Grundlage jeglicher Behandlung.

"Schmerzbehandlung ist komplex und erfordert eingehende Einarbeitung. Die Etablierung interdisziplinärer Gruppen zur Behandlung von chronischen Schmerzen bei Kindern und Ju-gendlichen ist wünschenswert," so Frank.


S. Nicole Bongard, Klinikum der Universität München
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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