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Universität zu Köln, 16.09.99

Böhmische Dörfer

EU-Beitrittsübungen im deutsch-tschechischen Grenzgebiet

Die Geschichte des Nazi-Terrors sowie der Vertreibung der Sudentendeutschen (Benes-Dekrete) und der damit verbundenen ideologische Ballast, die wirtschaftlichen Differenzen sowie die Probleme im deutsch-tschechischen Grenzraum, wie beispielsweise die Straßenprostitution, sind heute zentrale Themen der regionalen Tagespresse im Grenzgebiet. Von geringerer Bedeutung sind Berichte, welche die Unterschiede in Recht und Mentalität sowie die Sprachprobleme und die Angst der Tschechen vor einer Germanisierung zum Thema haben. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Günther Weiss in einer Untersuchung, die er am Seminar für Geographie und ihre Didaktik der Universität zu Köln angefertigt hat.


Grenzgebiete haben als Pioniere für transnationale Beziehungen eine wichtige Bedeutung. In der Euregio Egrensis, im deutsch-böhmischen Grenzgebiet, wurde anhand von Printmedien für den Zeitraum 1991 bis 1996 analysiert, inwieweit integrationsfördernde Rahmenbedingungen hier realisiert sind. Die bayrische "Frankenpost", die sächsische "Freie Presse" und die zweisprachige Monatszeitung "Cesky-Böhmen-Express" standen dabei im Mittelpunkt. Die regionale Tagespresse ist ein wichtiger Vermittler integrationsfördernder Informationen. Zeitungen legen so auch Grenzen

gleicher oder ähnlicher Meinungen und Ansichten in der Bevölkerung fest; sie steuern die Wahrnehmung des Nachbarlandes. Die Meinung der Bevölkerung ist wiederum wichtig für die Akzeptanz von integrationsfördernden Projekten und Maßnahmen der Regierung.

Vorhandene Probleme lassen sich u.a. daran ablesen, daß die "Frankenpost", trotz des eigens ausgegebenen Mottos "damit zusammenwächst, was zusammengehört" häufig kulturelle Unterschiede zwischen Tschechen und Deutschen betont. Bei der sächsischen "Freie Presse" wurden Gemeinsamkeiten wesentlich häufiger erwähnt. Trennenden Einfluß hatte vor allem das Lohn-Preis-Gefälle, die Angst der Tschechen vor einer Germanisierung und die Sprache, verbindenden Einfluß ähnliche Lebensgewohnheiten und die Gemeinsamkeiten im Parteisystem. Der ?esky-Böhmen-Express widmete sich intensiv der deutsch- bzw. östereichisch-tschechischen Zusammenarbeit und der europäischen Integration. Folglich wurde hier wenig über kulturelle Unterschiede gesprochen. Ein Manko aller Zeitungen war, daß sie wenig Informationen über die Geschichte des tschechischen Grenzgebietes vermittelten.

Das Interesse am Gegenüber ist gemäß verschiedener empirischer Studien der Jahre 1993-1997 vorhanden. Dies zeigt der rege grenzüberschreitende Verkehr. 80 Prozent auf beiden Seiten waren in ihrem Leben mindestens einmal im Nachbarland. Die Bereitschaft die Nachbarsprache zu erlernen ist bei den Tschechen aber deutlich größer als bei den Deutschen. Etwa ein Drittel aller Tschechen im Grenzgebiet sprechen gut deutsch, aber nur bei vier Prozent aller Deutschen gibt es entsprechende Kenntnisse. Dies verstärkt die ohnehin vorhandene Angst der Tschechen vor einer Germanisierung noch zusätzlich. Die persönlichen Erfahrungen von Tschechen mit Deutschen und umgekehrt waren meistens gut. Gelobt wurde an den Deutschen allgemein ihre Verläßlich- und Verträglichkeit, die Bereitwilligkeit, gute Tips zu geben, und das anständige Benehmen. Negativ fielen eine gewisse Überheblichkeit und allgemeine Antipathien auf, besonders bei den deutschen Besuchern in Westböhmen.

Das krasse Wohlstandsgefälle als Folge unterschiedlicher Systemzugehörigkeit über 40 Jahre macht Tschechien von Europa wirtschaftlich abhängig. Die Euregionen sind nicht in der Lage diese Unterschiede zu beheben. Aufgrund dieser Fakten müssen nach Auffassung von Dr. Weiss die Integrationsbemühungen in diesem und anderen Grenzgebieten in Osteuropa kritisch betrachtet werden. Letztendlich dienen sie nicht allein dem Wohle aller Beteiligten, sondern auch politischen Akteuren, welche sich durch ihr regionales Engagement einen Zuwachs an Macht und Prestige erhoffen.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Günther Weiss unter der Telefonnummer 0221/470-4627 und der Fax-Nummer 0221/470-5174 zur Verfügung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).

Für die Übersendung eines Belegexemplares wären wir Ihnen dankbar.


Gabriele Rutzen, Universität zu Köln
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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