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Friedrich-Schiller-Universität Jena, 10.02.00

Bilzingsleben: Urzeitlicher Unterkiefer gehörte einem Homo erectus

Jena. (10.02.00) Den rechten Unterkieferast eines rund 370.000 Jahre alten Frühmenschen haben Wissenschaftler der Universität Jena in der Nähe des kleinen Ortes Bilzingsleben (Kreis Sömmerda) ausgegraben. Nachdem der bemerkenswerte Fossilfund durch den Prager Paläoanthropologie-Professor Emanuel Vlcek begutachtet und taxonomisch bestimmt wurde, stellte ihn heute (10.02.) der Jenaer Prof. Dr. Dietrich Mania, Leiter der Forschungsstelle Bilzingsleben, in einem wissenschaftlichen Symposium der Öffentlichkeit vor. "Wir können den Unterkiefer eindeutig dem Homo erectus bilzingslebensis zuordnen", so Mania, "er passt in seiner Anatomie genau zu dem Kontext der bisher freigelegten hominiden Schädelfragmente aus Bilzingsleben."

400.000 Jahre alter hominider Unterkiefer des Homo erectus bilzingslebensis. Foto: Uni Jena

Das leider zahnlose Fundstück E7 mit 31 mm Höhe und 81,5 mm Länge ist durch Zertrümmerung des Unterkiefers entstanden und am oberen Rand abgebrochen; auch die Kinnregion fehlt. Dennoch lassen die morphologischen Strukturen schlüssige Vergleiche mit anderen frühmenschlichen Funden in China und Kenia zu. So stellte Vlcek die beste Analogie zu den grazilen Kieferformen eines weiblichen Sinanthropus fest, einem frühen Homo erectus aus China. Der Bilzingslebener Urmensch hatte einen sehr breiten, aufsteigenden Kieferast mit einem nur geringen Zwischenraum zum letzten Backenzahn. Auch dieses Merkmal weist auf Homo erectus hin, es ist hingegen für archaische Formen unseres Urahns, des Homo sapiens, untypisch.


Insofern sehen sich Mania und Vlcek durch den Neufund in ihrer taxonomischen Einordung des Bilzingslebener Urmenschen auf der Basis früherer Funde bestätigt. Insgesamt 28 Knochenfragmente, die zwei Individuen zugeordnet werden, ergeben in der Schädelrekonstruktion das eindeutige Bild einer erectoiden Form. "Die Beweiskette ist durch den Bilzingslebener Unterkiefer, der sicher einem dritten Individuum gehörte, nun erheblich dichter", erläutert Mania.

Als Forschungsstelle von Weltrang stufen internationale Anthropologen den Bilzingslebener Travertinsteinbruch allerdings nicht aufgrund der hominiden Fossilien ein, sondern wegen des einzigartigen Kontextes der Komplexfundstätte. In 30-jähriger Arbeit haben Prof. Dietrich Mania und sein kleines Team eine urmenschliche Siedlung auf einem 1.500 qm großen Areal freigelegt und rund sechs Tonnen Fundmaterial geborgen: faunistische Fossilien, quasi als Speisereste der erectus-Sippe, ebenso Waffen und Werk-zeuge vom nadelgroßen Feuersteinartefakt bis zum zentnerschweren Amboss. Nachweisbar sind ferner drei Hütten- und Feuerplätze sowie ein merkwürdiges, mit flachen Steinen und Tierknochen "gepflastertes" Oval, das vermutlich ideell-kultischen Handlungen diente. "Damit haben wir den schlüssigen Beweis für soziale Strukturen und die beachtliche Kulturfähigkeit dieses europäischen Homo erectus", so Mania.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Dietrich Mania
Forschungsstelle Bilzingsleben der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/616469

Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel.: 03641/931031
Fax: 03641/931032
E-Mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de

Weitere Informationen:


Dr. Wolfgang Hirsch, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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