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Herzog August Bibliothek, 18.06.08

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Herzog August Bibliothek, 18.06.08

Bewegtes Leben - Körpertechniken in der Frühen Neuzeit

"Das Spiel, das die Italiener CALCIO nennen." Fußballspiel mit Burgtorattrappen. Aus: Franciscus Schottus, Iterario, Padova 1638.
Herzog August Bibliothek

Stammbuch des Fürsten Albrecht Ernst I. von Oettingen, 1655-57.
Herzog August Bibliothek

Zu sehen sind Bücher, die der didaktischen Vermittlung von Körpertechniken gewidmet sind. Alltägliche und professionelle Bewegungstechniken wie Tranchieren, rhetorische Gestik und militärisches Exerzieren werden darin mit ausdrucksstarken und amüsanten Bildern vermittelt. Wie jemand ging, stand oder saß, bewies, welche Erziehung er oder sie genossen hatte und wie eine Person angesehen werden wollte. Ein Reiter zeigte nicht einfach, dass er reiten konnte, sondern die vollkommene, seelische und körperliche Beherrschung seiner selbst und seines Pferdes und damit seine Herrschaftskompetenz. Der aufrechte Gang unterschied nicht nur den Adeligen vom gebückten Gang des arbeitenden Bauern, sondern auch den Menschen vom Tier. So waren und sind zahlreiche Bewegungen und Haltungen in vielfältiger Weise symbolisch aufgeladen und dienten weit mehr als ihrem unmittelbaren physischen Zweck.

Wie die Bewegungen erlernt wurden, welche Techniken als besonders elegant bzw. effektiv galten und welche abgelehnt wurden, lässt sich anhand von kleinteiligen Bilderfolgen nachvollziehen. Der Detailreichtum macht deutlich, wie wichtig die Vermittlung dieser Körpertechniken war. Der Körper war und ist bis heute ein zentrales Medium der Kommunikation.

Die Anleitungsschriften verfolgten auch die Aufwertung bestimmter Sportarten. Die Verknüpfung der Akrobatik mit den Sieben Freien Künsten sollte die Zeitgenossen positiv stimmen, schließlich galt der Salto, bei dem die Welt buchstäblich auf den Kopf gestellt wurde, für die Kirche als blasphemisches Teufelswerk. Akrobaten wurden als soziale Gruppe geächtet. Und ein Fechtmeister des 18. Jahrhunderts, dem sich das moralische Problem stellte, dass er eine besonders kunstvolle Form des Tötens vermittelte, entwarf gleich eine ganze Fechtschule, welche die Verteidigung in den Vordergrund stellte.

Die Ausstellung und der Katalog zeigen, dass das Schwimmen keineswegs eine Erfindung der Aufklärung und ihrer Erkenntnis über den Nutzen des Wassers für die Gesundheit war. Vielmehr zeugen Schwimmtraktate von vielen vormodernen Praktiken.

Das Jeu de la Paume - die Vorform des heutigen Tennis - entstand aus dem mittelalterlichen Fußball. Als Gemeinsamkeit sind die Ziele des Turniers geblieben: das Erlangen von Ehre und der Gunst der Damenwelt sowie das Spielen um einen Preis.

Die Autoren der Traktate

Die Autoren, die zumeist selbst als Aufführende und Lehrer tätig waren, hatten ein lebhaftes Interesse daran, ihre Praxis von der der Beutelschneider zu unterscheiden und ihre Tätigkeit als besonders kunstvoll aufzuwerten. Akrobaten nahmen an den Festveranstaltungen der frühneuzeitlichen Höfe teil, und an den Ritterakademien wurden die Instruktoren in den adeligen Exerzitien besser bezahlt als die Lehrer der akademischen Fächer. Zahllos sind deshalb die Hinweise, dass man die eigentliche Praxis nur durch Anschauung und Nachahmung bei einem entsprechenden Lehrer erlernen könne, weshalb man ihre Publikationen auch als Werbeschriften für den eigenen Unterricht sehen kann.

Frühes Kino

Die ausgestellten Instruktionsbücher veränderten langfristig auch die Wahrnehmung von Körperbewegung: Fließende Abläufe wurden in Einzelbilder zergliedert und rhythmisiert. In den wie Daumenkinos anmutenden Bildserien kann man eine intellektuelle Voraussetzung für die spätere Entwicklung des Kinos sehen.

Die Ausstellung wird bis zum 16. November in der Augusteerhalle, im Kabinett und im Globenkabinett zu sehen sein. Öffnungszeiten: Di-So 10 bis 17 Uhr.

Der Katalog zur Ausstellung "Bewegtes Leben - Körpertechniken in der Frühen Neuzeit" hrsg. von Rebekka von Mallinckrodt, in Verbindung mit Pia F. Cuneo, Kirsten O. Frieling, Heiner Gillmeister, Jacques Gleyse, Marie-Thérèse Mourey, Michael Sikora, Sandra Schmidt, Anselm Schubert, Dietmar Till, Janina Wellmann (2008), 384 Seiten, 181 Abb., kostet (broschierte Ausgabe) in der Ausstellung 20 Euro. Den Vertrieb über den Buchhandel besorgt der Harrassowitz Verlag Wiesbaden in Kommission (ISBN 3-44-05794-7, Hardcover 39,80 Euro).

Weitere Informationen:


Dr. Anne Tilkorn, Herzog August Bibliothek
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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