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Justus-Liebig-Universität Gießen, 26.08.04

Besseres Sozialklima durch einheitliche Bekleidungsregeln in der Schule?

Gießener Unterrichtsforscher legen Ergebnisse einer empirischen Studie zu Sinn und Nutzen solcher Regeln vor

Im heißen Sommer vor einem Jahr war es an einer Gesamtschule in der Nähe von Hannover soweit: Nachdem eine Schülerin kurz vor den Sommerferien lediglich mit einem Bustier anstelle eines T-Shirts oder einer Bluse zum Unterricht erschien, legte die Schulleiterin schließlich fest, welche Art von Kleidung in der Schule zu tragen sei. Es begann eine Diskussion über Vor- und Nachteile einheitlicher Kleidung an deutschen Schulen - in dieser ging es zwar hitzig her, was aber fehlte, waren gesicherte Fakten zu Sinn und Nutzen solch einheitlicher Regeln.


Pünktlich zum Beginn des neuen Schuljahres legt nun ein Team von Unterrichtsforschern der Justus-Liebig-Universität Gießen die Ergebnisse einer empirischen Studie zum Tragen von Schulkleidung vor. Die Ergebnisse der Studie, die demnächst im Heft 4 der Zeitschrift "Psychologie in Erziehung und Unterricht" veröffentlicht werden, zeigen, dass in Klassen mit einheitlicher Schulkleidung ein besseres Sozialklima, eine höhere Aufmerksamkeit, ein höheres Empfinden von Sicherheit sowie ein generell niedrigerer Stellenwert von Kleidung beobachtet werden kann als in Vergleichsklassen ohne einheitliche Bekleidungsregelung. Die Unterschiede zeigen sich jedoch erst in höheren Klassen, wenn die einheitliche Schulkleidung bereits einige Zeit getragen wird.

Das Team mit dem Diplom-Psychologen und Wissenschaftlichen Assistenten Dr. Oliver Dickhäuser, den Psychologie-Studentinnen Katrin Lutz und Melissa Wenzel sowie Diplom-Pädagogin Claudia Schöne (Fachbereich 06 - Psychologie und Sportwissenschaft, Arbeitsgruppe Pädagogische Psychologie; Professur: Prof. Dr. Joachim Stiensmeier-Pelster) fand im vergangenen Schuljahr in der Hansestadt Hamburg Möglichkeiten, der Frage nach Zusammenhängen von Schulkleidung mit sozialen und motivationsabhängigen Variablen bei Schülern nachzugehen. Im Hamburger Stadtteil Sinstorf trugen in einer Haupt- und Realschule zum Untersuchungszeitpunkt Schülerinnen und Schüler zweier fünfter, einer siebten und einer achten Klasse seit dem Wechsel von der Grundschule einheitliche Kleidung: einheitlich farbige Oberteile und einheitliche Hosen. Alle Oberteile sind mit einem Schullogo versehen. In einer Parallelschule wurden entsprechende Klassen ohne Kleiderregeln für die Untersuchung ausgewählt.

"Wir können so sowohl Träger und Nichtträger vergleichen als auch die ,Langträger' der Stufen sieben und acht, die ja das Kleidungsreglement seit zwei bzw. drei Jahren praktizieren, mit den Schülern der Stufe fünf, die bei der Befragung erst zwei Monate die einheitliche Kleidung trugen", erläutern Melissa Wenzel und Katrin Lutz das Design der Studie.

Von den Ergebnissen war das Gießener Team selbst überrascht: In den höheren Klassen zeigt sich bei den Trägern einheitlicher Pullis ein besseres Sozialklima. Sie berichten, dem Unterricht aufmerksamer folgen zu können und sie legen in der Tendenz mehr Wert auf ein tiefes Verständnis der Unterrichtsinhalte als die Vergleichsschüler. Ebenso deutlich war der Unterschied zu der Frage, welchen Stellenwert Schülerinnen und Schüler Kleidung und schicken Klamotten generell beimessen. Hier übertreffen in den höheren Klassen die Vergleichsschüler die Träger der Schulkleidung deutlich.

Schulkleidung - ein probates Mittel, um in deutschen Klassenzimmern soziale Ausgrenzung vermeintlicher "Aldi-Kinder" zu verhindern? Können sich durch einheitliche Kleidung Schüler an der Schule sicher fühlen, weil sie nicht befürchten müssen, von den Mitschülern wegen teurer Kleidungsstücke "abgezockt" zu werden? Bewirkt der neue Dress-Code, dass sich die Eleven besser auf den Unterricht konzentrieren können, weil sie der Nachbarin nicht ständig auf den Bauchnabel starren müssen?

"Eine solche Interpretation unserer Befunde wäre überzogen", erklärt Dickhäuser. "Es ist naiv zu glauben, dass lediglich ein einheitlich farbiger Pulli diese Probleme in deutschen Klassenzimmern löst. Auch unsere Untersuchung zeigt nicht eindeutig, dass es die Schulkleidung ist, die die Unterschiede zwischen den Klassen bewirkt."

Damit einheitliche Bekleidungsregeln zum gewünschten Erfolg führen, bedürfe es zusätzlich engagierter Lehrkräfte sowie natürlich einer von diesem Konzept überzeugten Eltern- und Schülerschaft. Wenn diese Faktoren vorliegen, dann gehe wie in Hamburg am Ende die Rechnung vermutlich positiv auf.

Kontakt:
Dr. Oliver Dickhäuser
Fachbereich 06 - Psychologie und Sportwissenschaft
Otto-Behaghel-Straße 10F
35394 Gießen
Telefon: 0641/99-26255
Fax: 0641/99-26259
E-Mail: Oliver.Dickhaeuser@psychol.uni-giessen.de


Charlotte Brückner-Ihl, Justus-Liebig-Universität Gießen
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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