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Eberhard Karls Universität Tübingen, 18.11.03

Begleitforschungsstudie ergibt, dass Kinder mit der Tübinger Kinder-Uni sehr zufrieden sind

Steigerung des Interesses an Wissenschaft

Mehrere hundert Kinder in einem riesigen Hörsaal und ein Professor, der all sein fachliches und didaktisches Können aufbietet, um den jungen Studentinnen und Studenten sein Forschungsgebiet nahezubringen - das ist die Tübinger Kinder-Universität. Die zweite Auflage hat im Sommersemester 2003 stattgefunden, nachdem die erste viel mehr Kinder als erwartet angezogen hatte.
Was bringt der ganze Aufwand - außer einem ungeheuren Medienrummel?

Diese Frage versucht eine von dem Verlag DVA und dem Universitätsbund Tübingen finanziell unterstützte Begleitstudie zu beantworten, die unter der Leitung von Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder von Katharina Stock und Christof Wecker an der Forschungsstelle für Schulpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen durchgeführt wurde. In Tübingen fand damit nicht nur die erste Kinder-Uni überhaupt statt, hier wurde das "Erfolgsgeheimnis" der Kinder-Uni auch erstmals wissenschaftlich erforscht.

Fragestellung und Anlage der Untersuchung

Die Kinder-Uni hat keine feststehende gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen, sondern stellt gewissermaßen ein 'Luxusgut im Bereich der Bildungsangebote' dar. Daher war der Maßstab, nach dem sie zu beurteilen ist, nicht von außen vorgegeben, sondern aus den Erwartungen der Beteiligten (Organisatoren, Dozenten, Kinder) zu gewinnen. Eine informelle schriftliche Befragung der Organisatoren und einiger Dozierender ergab, dass sie mit der Kinder-Uni vor allem zwei Ziele verfolgten: den Kindern einen Einblick in verschiedene Fachgebiete zu gewähren (Wissenserwerb) und ihr Interesse an Universität, Wissenschaft und den einzelnen Fächern zu wecken (Interessenveränderung). Die Befragung der Kinder bestätigte 'rückwirkend' die Annahme des Forschungsteams, dass die Kinder auch gut unterhalten und geistig angeregt werden wollten (Zufriedenheit).
Daraus ergaben sich die folgenden grundlegenden Fragestellungen der Studie:

* Wie zufrieden sind die Kinder-Studenten mit ihrer Uni?
* Was lernen sie eigentlich?
* Wie verändern sich ihre Interessen aufgrund des regelmäßigen Vorlesungsbesuchs?

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir vor Beginn des zweiten Semesters der Tübinger Kinder-Uni im Sommer 2003 über einen Aufruf im Schwäbischen Tagblatt insgesamt 60 Kinder rekrutiert, von denen im Schnitt etwa 30 vor der ersten sowie nach jeder Vorlesung einen kurzen Fragebogen (etwa 15 Minuten) ausfüllten. Außerdem fand während den Vorlesungen eine standardisierte Beobachtung hinsichtlich der didaktischen Gestaltung und der Aufmerksamkeit der Kinder statt.

Ergebnisse

Zufriedenheit

Auf einer Skala von 1 (gering) bis 4 (sehr hoch) schätzten die Kinder ihren Spaß mit 3,59 (±0,09 Schätzgenauigkeit bei 5 % Irrtumswahrscheinlichkeit), die Interessantheit und die Schwierigkeit der Vorlesungen mit 3,62 (±0,09) bzw. 1,69 (±0,14), die Hörbarkeit und die Sichtbarkeit der Dozierenden mit 3,39 (±0,12) bzw. 3,72 (±0,07) und die Verständlichkeit ihrer Erklärungen mit 3,59 (±0,09) ein. Die Gesamtbeurteilung lag bei 3,53 (±0,06).
Die Antwort auf die Frage, wie zufrieden die Kinder mit der Kinder-Uni sind, fällt damit sehr klar aus: Sie bereitet ihnen sehr viel Spaß, ist sehr interessant, und die Inhalte sind nicht zu schwierig. An der Verständlichkeit der Professorinnen und Professoren haben sie nichts auszusetzen.

Wissenserwerb

Aussagen zum Wissenserwerb der Kinder sind problematisch: Die von den Dozenten zur Verfügung gestellten Aufgaben waren zu leicht; der andere von uns eingesetzte Fragetyp dagegen erforderte zu viel Motivation, sollte eine aussagekräftige Antwort resultieren: Bei diesen Fragen lagen die Werte auf einer dreistufigen Skala (0 - kein Wissenserwerb feststellbar, 1 - Faktenwissen, 2 - Verständnis) lediglich bei 0,43 (±0,09). Auf wissenschaftlicher Grundlage ist daher noch unsicher, wie tief das Wissen tatsächlich ist, das die Kinder bei der Kinder-Uni erwerben.

Interessenveränderungen

Auf einem zehnstufigen Index, der sich aus zehn Einzelfragen (Interesse an den sechs in den Vorlesungen vertretenen Fächern, allgemeines Wissenschaftsinteresse, Lieblingsfach in der Schule, Berufswunsch und Studierabsicht) zusammensetzt, ist eine überzufällige durchschnittliche Zunahme der wissenschaftsbezogenen Interessen der Kinder um 1,0 feststellbar.
Bei mehreren der eben genannten Einzelfragen des Indexes sind ebenfalls überzufällige Veränderungen feststellbar: Kinder haben hinterher mehr als vorher und stärker aus wissenschaftsbezogenen Motivationen ein Interesse an Schulfächern mit Nähe zu wissenschaftlichen Disziplinen. Außerdem interessieren sie sich mehr als vorher für Archäologie, Astronomie, Jura und Philosophie, d. h. für Fächer, unter denen sich Kinder normalerweise nicht allzu viel vorstellen können.
Resümee

Als Ergebnis halten wir fest, dass die Tübinger Kinder-Uni die Erwartungen der kleinen Studierenden in hohem Maß erfüllt und dass sich die Kinder hinterher mehr für Wissenschaft insgesamt und insbesondere einzelne wissenschaftliche Disziplinen interessieren.
Was die Kinder in den Vorlesungen wirklich lernen, ist jedoch noch nicht abschließend zu klären. Der Wert der Kinder-Uni dürfte allerdings gerade darin liegen, dass Kinder dabei erfahren, wie viel Spaß es bereiten kann, etwas Neues kennenzulernen, und dass sie sich von den erwachsenen Forscherinnen und Forschern in ihrer Neugier anstecken lassen - und genau dies ist bei der Tübinger Kinder-Uni geschehen.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder, (07071) 29-78314, E-Mail:hans-ulrich.grunder@uni-tuebingen.de
Katharina Stock, (07071) 29-78313, E-Mail: katharina.stock@uni-tuebingen.de
Christof Wecker, (07071) 29-78313, E-Mail: christof.wecker@uni-tuebingen.de
Eberhard Karls Universität Tübingen
Institut für Erziehungswissenschaft
Forschungsstelle für Schulpädagogik
Münzgasse 22-30
72070 Tübingen


Michael Seifert, Eberhard Karls Universität Tübingen
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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