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Freie Universität Berlin, 03.06.02

Das Assurprojekt - Nach mehr als 80 Jahren werden Ausgrabungsfunde nun ausgewertet

Die Ausgrabung von Assur zählt zu den ältesten und bekanntesten der Deutschen Orient-Gesellschaft. Unter der Leitung von Walter Andrae wurde die Hauptstadt des Assyrerreichs zwischen 1903 und 1914 systematisch archäologisch erschlossen. Seit 1926 lagert der größte Teil der rund 40.000 Fundobjekte der Grabung im Vorderasiatischen Museum zu Berlin. Erst jetzt, mehr als 70 Jahre danach, werden sie in einem Gemeinschaftsprojekt der Freien Universität Berlin, der Deutschen Orient-Gesellschaft und des Vorderasiatischen Museums abschließend bearbeitet. Die Leitung des Projekts, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird, liegt bei Prof. Dr. Johannes Renger vom Institut für Altorientalistik der Freien Universität.

Assur gilt als eine der wichtigsten Ruinen des nordmesopotamischen Altertums. Seit der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. war der Ort zunächst Mittelpunkt eines bedeutenden Stadtstaates, ehe er Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Hauptstadt des mächtigen Territorialstaates Assyrien wurde. Als die königliche Residenz im 10. Jahrhundert v. Chr. nach Kalchu verlegt wurde, blieb Assur weiterhin religiöses und zeremonielles Zentrum des assyrischen Staates. Von den Medern 614 v. Chr. zerstört, fand die Stadt noch einmal unter den Parthern (2. Jh. v. Chr. - 3. Jh. n. Chr.) zu neuer Blüte.


Bereits während und kurz nach der Grabung publizierte Andrae wichtige Ergebnisse, die sich vor allem auf die inschriftlichen Funde bezogen. Im Jahre 1922 veröffentlichte er den Band "Die archaischen Ischtar-Tempel", in dem erstmals systematisch ergrabene Architektur, Rundplastik und Kleinfunde der frühdynastischen Zeit (ca. 2400 v. Chr.) aus dem nördlichen Mesopotamien der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnten. Trotz dieser Veröffentlichungen blieb Vieles aus der Andrae'schen Grabung unbekannt. Grund hierfür war die Tatsache, dass das Vorderasiatische Museum zunächst mit anderen Projekten, wie der Auswertung des Fundmaterials aus Babylon, beschäftigt war.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen dann der Wiederaufbau des Museums, die Neugestaltung der Ausstellungsräume sowie die Sicherung der Magazinbestände im Vordergrund. Zwar erschienen in der Folgezeit wichtige Publikationen einzelner Funde und Fundgruppen, doch fehlten für eine umfassende Bearbeitung der Assurfunde zu Zeiten der DDR Personal und finanzielle Mittel. Erst mit der Bewilligung des Assurprojektes durch die DFG im Jahre 1996 konnte damit begonnen werden. Seitdem arbeiten vier wissenschaftliche Mitarbeiter und mehrere Zeichnerinnen und Fotografen an dem Material, unterstützt von 20 bis 25 Wissenschaftlern aus ganz Deutschland, die ihnen als freie Mitarbeiter mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Zu den bedeutendsten bislang untersuchten Funden zählen laut Prof. Renger die mittelassyrischen Rechts- und Verwaltungsurkunden. Mit ihrer Hilfe lassen sich Verwaltungsstrukturen und -abläufe rekonstruieren, über die bislang wenig bekannt war. Rund 3.000 solcher Urkunden sind in Assur gefunden worden. Dabei handelt es sich in der Regel um Urkunden aus den Palast- und Tempelhaushalten der Stadt. Ein erster Band mit mittelassyrischen Rechts- und Verwaltungsurkunden wird dieser Tage gedruckt, ein zweiter Band soll Ende des Jahres folgen. Zusammen mit den Textkopien werden die dazugehörigen Siegelabrollungen publiziert. Auf diese Weise soll die Grundlage für mögliche archäologisch-kunsthistorische Untersuchungen im Hinblick auf die Stilentwicklung geschaffen und eine vertiefte Kenntnis des administrativen Gebrauchs der Siegelungen gewonnen werden.

Bereits weit fortgeschritten sind die Arbeiten am "Alten Palast". So konnte auf der Grundlage von Dokumenten, die im Archiv der Deutschen Orient-Gesellschaft gefunden wurden, ein Gesamtplan des 110 x 100 Meter großen Areals erstellt werden. Die vorhandenen Architekturaufnahmen wurden eingescannt und digitalisiert und zusätzlich mit den Höhepunkten aus dem Höhenmessbuch versehen. Auf diese Weise soll eine dreidimensionale Rekonstruktion des Palastes erstellt werden. Ein wichtiger Aspekt der Arbeit am Alten Palast ist die Behandlung der darin gefundenen Objekte. In der ursprünglichen Publikation über den Alten Palast werden nur etwa 20 Objekte behandelt. Aus den Fundjournalen lassen sich derzeit jedoch bereits etwa 1.850 Objekte aus dem Alten Palast identifizieren. Inzwischen wurden alle Objekte in eine Datenbank eingegeben und lassen sich nun mühelos den einzelnen Räumen bzw. Planquadraten zuordnen.

von Thorsten Lichtblau

Weitere Informationen erteilt Ihnen gerne:
Prof. Dr. Johannes Renger, Institut für Altorientalistik der Freien Universität Berlin, Hüttenweg 7, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 838-53347, Fax: 030 / 838-53600, E-Mail: renger2@zedat.fu-berlin.de


Ilka Seer, Freie Universität Berlin
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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