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Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 31.10.05

Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag: Gedenktage sind vor allem Familiensache

Religion spielt bei Grabpflege und Grabbesuch kaum eine Rolle - IAK Thanatologie will Beitrag zu gesellschaftlicher Debatte leisten

(Mainz, 31. Oktober 2005, lei) Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag - die drei Gedenktage im November bieten eine Möglichkeit, sich an Verstorbene zu erinnern und Trauer wieder aufleben zu lassen. "Diese Gedenktage bieten einen in der Gesellschaft verankerten Rahmen für das Gedenken an verstorbene Angehörige, die Religion spielt für die meisten heute bestenfalls noch am Rande eine Rolle", erklärte Prof. Dr. Gerhard Schmied, Religionssoziologe an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Mitglied im Interdisziplinären Arbeitskreis (IAK) Thanatologie. "Trauer und der Besuch des Friedhofs sind eine Familienangelegenheit."


Allerheiligen wird als katholischer Fest- und Feiertag am 1. November begangen, wobei ursprünglich das Gedenken an die Heiligen im Mittelpunkt stand. An Allerseelen, dem folgenden Tag, wird ebenfalls nach katholischer Tradition an die Verstorbenen gedacht. Der Totensonntag, der letzten Sonntag vor dem ersten Advent, ist in der evangelischen Kirche der Tag, um vor dem Ende des Kirchenjahres der Toten des letzten Jahres zu gedenken. "Durch den Besuch des Grabes oder durch die Grabpflege an diesen Tagen können die Hinterbliebenen nicht nur der Toten gedenken, sondern den Verlust noch einmal betrauern. Grabbesuch und Grabpflege haben so auch eine therapeutische Wirkung", führt Schmied aus. Untersuchungen und Befragungen auf Friedhöfen haben gezeigt, dass der Besuch von Friedhöfen zu den Gedenktagen genauso wie die Gräberpflege weitgehend eine Familienangelegenheit ist: Trauer ist vor allem Trauer in der Familie. Das Erinnern zum Geburtstag oder zum Todestag eines Verstorbenen ist dabei für die meisten Menschen mindestens so wichtig wie die kirchlichen Gedenktage.

Ein Problem gerade zu diesen Gedenktagen sieht Schmied teilweise in der modernen Mobilität. Grabpflege ist nicht mehr möglich, wenn zwischen Wohnort und Friedhof Hunderte von Kilometern Entfernung liegen. Auch vor diesem Hintergrund sind neue Entwicklungen wie die anonyme Bestattung zu sehen. Man will den Angehörigen nicht die Grabpflege aufbürden oder Friedhofsgärtner mit der kostspieligen Dauerpflege beauftragen. Auch der Grabbesuch ist bei großer räumlicher Distanz erschwert. Wie sehr aber die Gedenktage weit entfernt wohnende Angehörige zum Friedhof "hinziehen", kann man an den vielen Autos mit fremden Nummernschildern sehen, die vor den Friedhöfen geparkt sind.

Dass seit einigen Jahren nun am Vorabend von Allerheiligen, dem 31. Oktober, auch bei uns Halloween gefeiert wird, sieht Schmied nicht in einem engeren Zusammenhang mit den christlichen Festen, sondern eher vor dem Hintergrund kommerzieller Interessen. Der Brauch geht auf die angeblich in Irland gepflegte Vorstellung zurück, dass die Toten zwischen Allerheiligen und Allerseelen zurückkehren und die Lebenden um ihre Hilfe bitten. Heute ist Halloween als "Reimport" aus den USA vor allem ein Fest für Kinder, um Süßigkeiten zu erheischen und andere zu erschrecken. "In den USA werden zu Halloween fast 7 Milliarden Dollar für Süßes, Kostüme, Dekoration und anderes ausgegeben", so Schmied. "Das hat mit dem Tod wenig zu tun. Man kann es bestenfalls als Beschäftigung mit dem Tod über Gruseliges auffassen; man treibt quasi mit dem Entsetzen Scherz."

Prof. Schmied ist Autor des Buches "Friedhofsgespräche" (Verlag Leske und Budrich, 2002).

Tod und Trauer sind die zentralen Themen des IAK Thanatologie, in dem Mediziner, Geistes- und Sozialwissenschaftler der Johannes-Gutenberg-Universität zusammenkommen, die an Fragen im Umkreis von Tod und Sterben interessiert sind. Thanatologie bezeichnet konkret das Studium aller todbezogenen Gedanken, Gefühle, Verhaltensweisen und Phänomene. Fortschritte in der biologischen und medizinischen Forschung verändern radikal das Verständnis dessen, was Leben und Tod ist. Auch gesellschaftliche Entwicklungen zwingen dazu, das Verhältnis zum Tod zu überprüfen und machen neue Übereinkünfte notwendig. Die Wissenschaftler sind, so das Selbstverständnis des IAK Thanatologie, durch ihre Forschung dazu aufgefordert, das Gespräch über diese Themen auch in der Öffentlichkeit anzuregen, die Grundlagen der Debatte zu verdeutlichen und die Rationalität der Auseinandersetzung zu fördern. Aufgabe und Ziel des Arbeitskreises ist es, interdisziplinäre Lehrveranstaltungen und Weiterbildungsprogramme zu initiieren bzw. zu koordinieren.

Kontakt und Informationen:
Prof. Dr. Gerhard Schmied
Institut für Soziologie
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. 06204 78448
E-Mail: gerhard-schmied@web.de

Weitere Informationen:


Petra Giegerich, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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