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Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 27.09.05

Wie ein ägyptischer Tempel zu betreten ist

In jeden Tempel kam im Alten Ägypten mehrmals täglich ein Priester, um am Götterbild den Kult zu vollziehen. Er beweihräucherte das Bild, kleidete es neu ein und brachte ihm Speiseopfer dar. Allerdings durfte im alten Ägypten nicht jeder x-beliebige Mensch einfach so in einen Tempel gehen. Deshalb musste der Priester sich erst vor der Gottheit als dazu berechtigt erweisen.

Der ibisköpfige Thot begleitet als göttlicher Vorlesepriester das Ritual. Relief im Tempel Ramses II. in Abydos.
Foto: Martin Stadler

Zu diesem Zweck hielten die Ägypter in Ritualhandbüchern die Sprüche fest, durch die sich der Kultausführende Zugang zum Allerheiligsten verschaffen konnte. Mit diesen Sprüchen glaubte er, den Gott oder die Göttin davon zu überzeugen, dies erstens zu dürfen und zweitens in positiver Absicht zu kommen.

Martin Stadler vom Lehrstuhl für Ägyptologie arbeitet an einem Papyrustext, der dieses Ritual in demotischer Schrift überliefert. Diese abstrahiert die Hieroglyphen sehr stark und wurde in Ägypten von etwa 650 vor bis 452 nach Christi Geburt gebraucht. Stadler: "Mir waren zunächst vier Handschriften bekannt, die ich in der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums Berlin identifizieren konnte." Da sie alle aus dem Ort Dime am Nordrand der Fayum-Oase stammen und auch andere Sammlungen Papyri von dort besitzen, hatte der Ägyptologe den Verdacht, weitere Fragmente zu den Berliner Papyri oder zusätzliche Handschriften finden zu können. Denn: "Ein Ritualhandbuch wird es nicht nur einmal gegeben haben, so wie heute auch in Kirchen mehrere Exemplare von Gesangbüchern vorhanden sind."


Mit einem Stipendium aus der Jubiläumsstiftung der Uni reiste Stadler darum nach London ins Britische Museum, um die dortige Papyrussammlung zu durchforsten. Und tatsächlich fand er kleine Fragmente von fünf weiteren Papyrusrollen, die mit demselben Ritualtext beschrieben waren. "Das Aufregende daran ist, dass die Londoner Fragmente Teile des Textes überliefern, der in den anderen Handschriften verloren ist", freut sich Stadler.

Der Forscher vermutet nun weitere Fragmente in anderen Sammlungen, die er demnächst durchsuchen will. Er wird dann sämtliche Papyri mit dem Text des täglichen Rituals aus Dime in Übersetzung mit einem ausführlichen inhaltlichen Kommentar als Buch veröffentlichen.

Im Ritualtext bezeichnet sich der in den Tempel eintretende Priester unter anderem als Thot. Dieser war ein Gott des Rituals schlechthin und deshalb gerne ein mythisches Vorbild für jemanden, der einen Kult ausführte. Wenn ein Priester als Thot eintrat, durfte er von der Hauptgottheit des Tempels kaum Widerstand erwarten.

Thot hatte für die ägyptische Religion eine herausragende Bedeutung, und darum untersucht Stadler auch die vielen Funktionen und Rollen sowie die Mythologie dieses Gottes. Insbesondere die Reliefdarstellungen und Inschriften der Tempel liefern viele Informationen über Thot. Diese Quellen untersuchte der Wissenschaftler bei einer ebenfalls von der Jubiläumsstiftung geförderten Forschungsreise, die ihn von Kairo bis nach Abu Simbel führte.

Stadler steuerte insbesondere Stätten an, die kaum von Touristen besucht werden, wie El-Aschmunein, den ehemaligen Hauptkultort des Thot. Die Besichtigung des dortigen Tempelbezirks war aber ernüchternd, weil vom Thot-Tempel fast nichts mehr steht. Dafür entschädigte die Nekropole der Stadt mit den reichen Grabdekorationen der Thot-Priester in der ägyptischen Spätzeit. Dort sammelte Stadler reichhaltiges Material.

Ergiebig waren aber auch die von Touristenströmen heimgesuchten Orte, wie die Ende der 1960er-Jahre in einer spektakulären Rettungsaktion vor den Fluten des Nasser-Stausees bewahrten Tempel von Abu Simbel. "So bekannt diese Monumente sind, so schlecht sind sie dokumentiert - von einigen wenigen Bildern abgesehen, die in der populären Literatur immer wieder auftauchen", erklärt Stadler.

In Abu Simbel fand der Ägyptologe interessante Bezüge zwischen Thot und Türeingängen, denn an vielen Durchgängen der in den Fels gehauenen Säle und Kammern steht der Gott im Relief und bewacht sie gleichsam. Dieser Eindruck bestätigte sich in anderen Tempeln und betrifft ein Problem, mit dem sich Stadler in seinen Forschungen beschäftigt: Was hat Thot mit Durch- und damit Übergängen zu tun? Eine Frage, die laut Stadler in der Ägyptologie bislang übersehen wurde "und in sehr viele Bereiche der ägyptischen Religion hineinreichen wird". Die Antwort will der Wissenschaftler nach der Auswertung aller Daten in seiner Habilitationsschrift geben.

Weitere Informationen: Dr. Martin Andreas Stadler, T (0931) 31-2787, Fax (0931) 31-2442, E-Mail: martin.stadler@mail.uni-wuerzburg.de


Robert Emmerich, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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