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Friedrich-Schiller-Universität Jena, 09.12.04

700 Jahre altes Fragment eines Fortsetzungsromans entdeckt

72 Verse aus Abschrift des "Rennewart" in der Jenaer Universitätsbibliothek gefunden / Sonderausstellung eröffnet

Eine Seite des beidseitig beschriebenen Fragments aus dem "Rennewart", das jüngst in der Jenaer Universitätsbibliothek gefunden worden ist.
Foto: ThULB

Jena (09.12.04) Nur 22,8 x 5 Zentimeter groß ist das Fragment, doch es stellt einen einmaligen Fund für die deutsche Philologie des Mittelalters dar. Auf der rund 700 Jahre alten Pergamenthandschrift, die sich in tadellosem Zustand befindet, stehen 72 Verse aus dem "Rennewart" Ulrichs von Türheim, der 1246 komplett vorlag. Dieses insgesamt über 36.000 Verse umfassende Epos ist die Fortsetzung des "Willehalm" Wolframs von Eschenbach. Entdeckt wurde das bisher einmalige Handschriftenfragment vor kurzem in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) in Jena und ist dort heute erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden.


Das beidseitig beschriebene "Rennewart"-Fragment befand sich in einer Kiste, die aus dem Besitz des Goethe-Enkels Wolfgang Maximilian (1820-1883) stammt, dessen Nachlass sich in der ThULB befindet. Bei einer Sichtung fiel es dem Leiter der Abteilung Handschriften und Sondersammlungen der ThULB Dr. Joachim Ott auf und wurde mit Hilfe des Mediävisten Dr. Christoph Fasbender identifiziert. Der Experte vom Institut für Germanistische Literaturwissenschaft der Universität Jena konnte zum einen den Text des "sensationellen Fundes" relativ rasch dem "Rennewart" zuordnen. Außerdem hat Fasbender bei seinen detaillierten Recherchen festgestellt, dass der Text zwar "in der damals üblichen deutschen Dichter-Kunstsprache, aber mit Einschlag Thüringer Mundart verfasst wurde". Die kurz nach 1300 entstandene Abschrift, aus der der wertvolle Jenaer Fund stammt, könnte also in einer Thüringer Schreibwerkstatt produziert worden sein. "Das Herz der hochmittelalterlichen Literatur schlägt sehr stark hier in Thüringen", ist einer der Schlüsse, die der Jenaer Germanist ziehen kann. Der Weg vom Produktions- bis zu seinem Fundort ist allerdings nicht mehr nachvollziehbar. Beweisbar ist nur, dass das Fragment sauber aus der Originalhandschrift herausgeschnitten und später als Verstärkung eines anderen Buches genutzt, danach wieder daraus herausgelöst worden ist und in den Besitz von Wolfgang Maximilian von Goethe kam.

Darüber hinaus, auch dies konnte Fasbender nachweisen, stammt der Jenaer Fund aus einer Handschrift, die ausschließlich den "Rennewart" enthielt. Bisher waren nur Handschriften bekannt, die die Trilogie "Willehalm", seine Vorgeschichte "Arabel" und seine Fortsetzung "Rennewart" in einem Band vereinten.

In Wolframs von Eschenbach "Willehalm" wurde die prinzipielle Gleichstellung von Nicht-Christen (Muslimen) und Christen vor Gott behauptet. Diese damals sehr problematische Aussage wurde, wie Jahrhunderte später in Lessings "Nathan der Weise", an der Liebe des Christen Willehalm zu der "Heidin" Arabel dargestellt. Wolfram führt als Hoffnungsfigur den Knaben Rennewart ein, der aber bei ihm noch nicht voll zur Entfaltung kommt. Diesen stellt Ulrich von Türheim in den Mittelpunkt der Fortsetzung, die ca. 15 Jahre später entstand, und in epischer Breite die Familien-Saga Rennewarts ausführt. Der Verfasser hat zwar sicher nicht die literarische Qualität von Wolfram, plädiert aber wie dieser für eine überkonfessionelle Ritterkultur - und steht damit im modernen Sinn für Toleranz.

"Ein solcher Fund passiert einem nur einmal im Leben", glaubt Christoph Fasbender. Dennoch ist der Germanist überzeugt, dass in den Bibliotheksschätzen "noch viel mehr zu finden ist", worauf er sich freut, "denn alleine unser Fragment verbreitert unser Wissen über dieses Werk nicht unerheblich". Das Jenaer Fragment wird jetzt in der ThULB unter der Signatur Ms. El. F. 32 (5) geführt.

Es ist bis ins kommende Frühjahr im Rahmen einer Sonderausstellung mit vielen weiteren historischen Handschriften aus dem Fundus der ThULB zu sehen. Die Ausstellung kann dienstags und donnerstags von 14-16 Uhr im Zimelienraum der THULB (Bibliotheksplatz 2) besichtigt werden.

Kontakt:
Dr. Christoph Fasbender
Institut für Germanistische Literaturwissenschaft der Universität Jena
Fürstengraben 18, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944205
E-Mail: christoph.fasbender@uni-jena.de


Axel Burchardt, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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