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Ruhr-Universität Bochum, 09.10.01

250 Jahre alter Trend: Entkirchlichung

15 Jahre lang haben RUB-Historiker alle erdenklichen statistischen Daten zur Religiosität der protestantischen deutschen Bevölkerung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Zweiten Weltkrieg gesammelt und ausgewertet. Ihre Ergebnisse sind jetzt in vier Bänden erschienen.

Bochum, 09.10.2001
Nr. 296

250 Jahre alter Trend: Entkirchlichung
Datenatlas zur religiösen Geographie erschienen
Einzigartige Sammlung und Auswertung auf 3000 Seiten

15 Jahre lang haben Prof. Dr. Lucian Hölscher (Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB) und seine Mitarbeiter alle erdenklichen statistischen Daten zur Religiosität der protestantischen deutschen Bevölkerung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Zweiten Weltkrieg gesammelt und ausgewertet. Ihre teils überraschenden Ergebnisse sind nun gebündelt auf rund 3000 Seiten mit über 50 Karten und zahlreichen Diagrammen im "Datenatlas zur religiösen Geographie im protestantischen Deutschland" im Walter de Gruyter Verlag erschienen. Sie räumen mit so manchem Vorurteil auf und können als Grundlage für mentalitätsgeschichtliche Untersuchungen dienen. Der Atlas bietet erstmals einen verlässlichen Indikator der religiösen Mentalität großer Gruppen der Bevölkerung. Das Werk wird auch auf der Frankfurter Buchmesse (10.-15. Oktober) vorgestellt.


Nicht jede Krise stärkt die Religion

"Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen, eine wenns ihm gut geht und eine wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion", schreibt Kurt Tucholsky - und muss sich eines besseren belehren lassen. Nicht in allen Krisenzeiten erlebte die protestantische Kirche in Deutschland einen Aufschwung. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 und dem Zweiten Weltkrieg folgten zwar je zwei Jahrzehnte der Erholung, im Ersten Weltkrieg brach das Vertrauen in die Kirche nach einer ersten kurzen Hochphase jedoch stark ein.

Entkirchlichung ebnet Sozialismus den Weg

Auch andere Mythen halten der Überprüfung anhand der geschichtlichen Daten nicht stand. So kann das sozialistische Regime der DDR nicht allein schuld sein am Niedergang der evangelischen Kirche in ihrem Gebiet: Schon vor der deutschen Teilung 1945 zeigt sich eine deutlich geringere Kirchlichkeit in den späteren DDR-Gebieten als im benachbarten Hessen - die Teilung wurde dadurch geradezu vorweggenommen. "In diesen Regionen war die Bereitschaft für alternative, nicht-christliche Weltanschauungen sehr viel höher. Das gilt für den Sozialismus und auch für den Nationalsozialismus", mutmaßt Prof. Hölscher.

Menschen in der Diaspora sind nicht immer frommer

Die Daten belegen außerdem, dass die allgemein bekannte, zunehmende Entkirchlichung in Deutschland wie in ganz Europa kein neues Phänomen ist, sondern ein 250 Jahre alter Trend. Schon im 18. Jahrhundert war die Teilnahme an religiösen Riten mancherorts nicht höher als heute. Die Gründe dafür sind laut Prof. Hölscher in der Aufklärung zu suchen: "Die große Entkirchlichung lag im 18. Jahrhundert und war mit der Französischen Revolution schon abgeschlossen." Er räumt außerdem mit dem Vorurteil auf, dass Religionsangehörige in Diaspora-Regionen, wo sie von einer anderen Mehrheits- oder gar Staatsreligion umgeben sind, ihre Religion durchweg stärker ausleben. Das trifft zwar zumeist auf Gebiete zu, in denen die Religion bereits seit Jahrhunderten fest verankert und vielleicht früher die Mehrheitsreligion gewesen ist, wie z. B in der bayrischen Oberpfalz und in Schwaben. In anderen Regionen aber, in denen der Protestantismus erst seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert unter toleranteren Bedingungen Fuß gefasst hat, erreicht der Kirchenbesuch weit geringere Werte. Beispiele für solche Regionen sind Ober- und Niederbayern sowie Südbaden. Auffällig ist jedoch der fortschreitende Bedeutungszuwachs der Kirchen bei der Bewältigung des Todes seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, erkennbar an der rapiden Zunahme kirchlicher Beerdigungen seit dieser Zeit.

Mischzonen entlang der Flüsse

Besondere Beachtung widmen die Historiker den konfessionellen Mischzonen. Mischehen und Konfessionswechsel finden sich hier besonders häufig. Gerade städtische und industrielle Ballungszentren sind davon betroffen. In solchen Gebieten haben es religiöse Gemeinschaften außerhalb der großen Landeskirchen besonders leicht, Fuß zu fassen. Pietistische Gemeinschaften, Freikirchen und Sekten, in den Städten auch freireligiöse Gemeinschaften und Bünde und Vereine, deren weltanschauliche Angebote an die Stelle religiöser Bekenntnisse traten, siedelten sich hier an. Mischzonen bildeten sich vor allem entlang der großen Flüsse, die schon in der frühen Neuzeit bevorzugte Wege der Wanderung religiöser Minderheiten waren.

Deutsche Besonderheit: Religions-Patt

Aus 27 kirchlichen Archiven trugen die Historiker alle zu findenden Daten über Gottesdienst- und Abendmahlsbesuche, Taufen, Trauungen und Beerdigungen, Kirchenein- und -austritte und die jährliche Zahl der Wähler bei kirchlichen Gemeinderatswahlen - kurz: alle so genannten "Äußerungen des kirchlichen Lebens" - zusammen. Das einzigartige Datenmaterial erlaubt erstmals einen regionalen und zeitlichen Vergleich der Kirchlichkeit in Deutschland. Deutschland stellt unter den europäischen Ländern einen Sonderfall dar, weil es hier seit den Religionskriegen im 16.und 17. Jahrhundert eine konfessionelle Patt-Situation gibt.

Titelaufnahme

Hölscher, Lucian (Hg.): Datenatlas zur religiösen Geographie im protestantischen Deutschland. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Berlin, New York, Walter de Gruyter Verlag 2001, ISBN 3-1101-6905-3

Weitere Informationen

Prof. Dr. Lucian Hölscher, Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-24691, Fax: 0234/32-14540, Email: lucian.hoelscher@ruhr-uni-bochum.de


Dr. Josef König, Ruhr-Universität Bochum
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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