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Friedrich-Schiller-Universität Jena, 26.09.99

Urzeitliche Riesen besiedelten den eurasischen Kontinent

Die kältebeständigsten Säugetiere der Erdgeschichte bevölkerten während der Quartärzeit - 1,8 Mio. bis 10.000 vor heute - die eurasische Steppentundra. In einer umfangreichen Darstellung und Kartierung hat der Päläontologe PD Dr. Ralf-Dietrich Kahlke von der Universität Jena die Verbreitungsgebiete einer urzeitlichen Tierwelt skizziert, die geradezu perfekte Überlebensstrategien für eisige Zeiten entwickelt hatte. Fellnashörner, Mammute, Moschusochsen und Bisons, aber auch große Raubtiere wie Löwen und Bären besiedelten während der quartären Kälteperioden ein riesiges Gebiet zwischen Nordspanien und der fernöstlichen Pazifikküste, teilweise sogar über die amphiberingische Landbrücke bis nach Nordamerika.

Schädelfragment eines eiszeitlichen Bisons (Bison priscus) aus Taubach bei Weimar. Foto: Korn

Große Trockenheit und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt ertrugen diese Tiere mit stoischer Gelassenheit. "Wie tief das Thermometer während dieser Kaltzeiten fiel, können wir nur vermuten", erklärt Kahlke, "aber die Dauerfrostzonen reichten meh-rere hundert Meter tief in den Erdboden hinein. Entscheidend für den Charakter des Ökosystems ist aber die Dauer der Kälteeinwirkungen - Jahrtausende oder Jahrzehntausende."

Rund zehn Jahre Lebenszeit hat der Wissenschaftler, der die Quartärpaläontologie in Weimar leitet, in seine ausgedehnte Forschungsarbeit investiert. - Ein vergleichsweise kurzer Zeitabschnitt angesichts der untersuchten Äonen. Aber er misst gerade der Quartärzeit für die Menschheitsgeschichte eine entscheidende Bedeutung zu, weil sich gegen deren Ende der Homo sapiens erfolgreich über den ganzen Globus hinweg ausbreitete und weil sich auch die ökologischen und klimatischen Voraussetzungen für die Jetztzeit etablierten.


Für seine Bestandsaufnahme besuchte Kahlke Fundstätten in China und in der ehemaligen Sowjetunion ebenso wie in Westeuropa und den USA. Ein Schlüssel seiner Arbeit jedoch liegt im heimischen Thüringen. Fundstätten wie die bei Untermaßfeld in Südthüringen oder Süßenborn bei Weimar lieferten entscheidende Anhaltspunkte und wichtige Referenzobjekte für die exakte Einordnung fossiler Tierreste in aller Welt.

Soviel ist sicher: Die meisten der kälteresistenten Überlebenskünstler stammten aus dem Norden und aus dem Osten. Zum Beispiel das rund drei Tonnen schwere Fellnashorn mit imposanten, bis zu 110 cm langen Vorderhörnern wanderte wie die Saiga-Antilope aus der zentralasiatischen Steppenregion nach Mitteleuropa ein; Rentier, Moschusochse und Polarfuchs bahnten sich aus den arktischen Tundren von Norden her den Weg ins kalte Herz Europas.

Nur wenige Tiergruppen, etwa die Fleckenhyäne oder die Vorgänger des Höhlenlöwen als damals dominierendes Raubtier, kamen aus Afrika und schafften es, sich an die unwirtlich eisigen Lebensbedingungen zu gewöhnen. Erst durch die Ana-lyse der Wanderungsbewegungen und der entwicklungsgeschichtlichen Anpassung ergeben die urzeitlichen Funde in Thüringen einen Sinn.

So datieren Kahlke und sein Team die ältesten bekannten Überreste eines Moschusochsen aus einer Kiesgrube bei Süßenborn auf rund 500.000 vor heute. An gleicher Stelle fanden sich auch die weltweit ältesten Rengeweihe. "Diese grasfressenden Großsäuger zählten zum Standardrepertoire der eurasischen Steppentundra und gehörten natürlich ebenso zur Thüringer Fauna wie der Steppen-Bison."

Das älteste, rund eine Million Jahre alte Prachtexemplar eines Bison menneri, einer erst seit 1977 bekannten Art, förderte Kahlkes Arbeitsgruppe bei Untermaßfeld aus dem Schutt der Äonen zu Tage. Es ist zugleich mit 1,78m Schulterhöhe der größte Bison aller Zeiten. Im Quartär muss es riesige Herden dieser urzeitlichen Ungetüme gegeben haben, in sehr vielgestaltigen Formen besiedelten sie in Kalt- und Warmzeiten flächendeckend den ganzen eurasischen Kontinent bis weit nach Nordamerika hinein.

Ihre entwicklungsgeschichtlichen Nachfahren sind heute nur noch in wenigen Herden in den USA und Kanada zu Hause; ähnlich erging es der Saiga-Antilope, die in den Steppen Kasachstans vom Aussterben bedroht ist. Polarfüchse und Rentiere finden sich noch zahlreich in ihren arktischen Ursprungsgebieten, werden aber stark bejagt. Andere vorzeitliche Großsäuger wie Höhlenbären, Höhlenlöwen und Mammute hingegen sind völlig von der Bildfläche verschwunden.

Einige amerikanische Wissenschaftler glauben, dass gegen Ende des Quartärs ein vernunftbegabter Jäger namens Mensch ihnen in einem "prehistoric overkill" den Garaus bereitete. Ralf-Dietrich Kahlke indes vermutet wie viele europäische Kollegen, dass dazu die menschliche Potenz nicht habe ausreichen können: "Entscheidender wird wohl der Zusam-menbruch des Ökosystems Steppentundra durch eine rasche und intensive Erwärmung gewesen sein." Dank der ,erträglicheren', also wärmeren und feuchteren Temperaturen entstanden nach 10.000 vor heute große zusammenhängende Waldgebiete (Taiga), und eine andere Tierwelt, so wie wir sie heute kennen, formierte sich.

Buchpublikation:
Ralf-Dietrich Kahlke: The History of the Origin, Evolution and Dispersal of the Late Pleistocene Mammuthus-Coelodonta Faunal Complex in Eurasia. 219 S., 5 Tab., 23 Karten. Fenske Companies, Rapid City/South Dakota (USA) 1999. 29,95 US $. ISBN 0-913062-04-9

Ansprechpartner:
PD Dr. Ralf-Dietrich Kahlke
Bereich Quartärpaläontologie Weimar der Universität Jena
Tel.: 03642/904070, Fax: 511320

Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel.: 03641/931031
Fax: 03641/931032
e-mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de


Dr. Wolfgang Hirsch, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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